Felicitas Hoppe: Auf der Reise zur Jungfrau in Waffen

Es kommt darauf an, die Deutlichkeit zu bekämpfen – Felicitas Hoppes „Johanna“, von Anja Hirsch

 

Geschichten schreiben heißt für Felicitas Hoppe seit je Geschichte schreiben. Und wer die fantastischen Texte dieser mit Rittern einen vertrauten Umgang pflegenden Schriftstellerin kennt, ist mit Sicherheit vor dem Fehler gefeit, bei der Ankündigung von „Johanna“ einen historischen Roman zu erwarten. Es war aber auch nicht abzusehen, dass sich hier ein Schreiben einen derart passenden Stoff sucht; ein Schreiben, das über Raum und Zeit hinwegschreitet wie über nur zur Verwirrung angebrachte Orientierungsmarken. Und wenn es stimmt, dass Geschichte, wie manche Theoretiker meinen, nur durch die Abweichung von der Norm in Gang kommt (durch eine Jungfrau in Waffen, zum Beispiel), dann gilt Ähnliches für die Literatur Felicitas Hoppes.
Auch in ihren Texten reichen sich abwegige Figuren die Hand, um eine bunte Lawine ins Rollen zu bringen. Hätte Johanna geschrieben statt gekämpft, ihre Schrift transportierte wohl den gleichen Übermut wie die Zeilen in Hoppes neuem Roman. Dass dieser andauernde Übermut vor Leerlauf weit gehend geschützt scheint, bleibt eines der Geheimnisse dieser Autorin und ihrer vielstimmigen Prosa. Unnötig zu erwähnen, dass in diesem Roman weniges in bekannte Bezugssysteme passt. Wohl gibt es eine Ich-Erzählerin, die sich offenbar mit Johanna beschäftigt. Eine Prüfung steht an, innerhalb derer sie selbst – wie einst Johanna – einer männlichen Kommission standhalten muss.
Aber das ist nur der ungefähre Rahmen für eine poetische Pilgerreise, die mit einem Prolog beginnt, auf dem Marktplatz von Rouen nicht endet und im Wasser der Seine (wie die Asche Johannas) versinkt. Es gibt einen schlauen, schlaflosen Dozenten na- mens Peitsche, der Mützen faltet, Jahrhunderte durchlebt hat und über Johanna aus erster Hand berichten kann. Und es gibt einen rührig-strengen Professor. Einmal machen alle drei eine Reise. Später ist die Erzählerin mit Bruder Martin unterwegs.
Und wo Erzählungen andernorts erst in Fahrt geraten müssen, beginnt Felicitas Hoppe sofort auf hohem Niveau – in ihrem ganz eigenen Ton, rhythmisch, mit Sätzen, die sich durchaus weigern, Fuß zu fassen, doch ganz und gar haptische Wirkung entfalten: Hoppes Prosa, ständig auf Reisen, lässt sich anfassen, etwa wie Gegenstände, die einem im Traum erscheinen und bei Berüh- rung verschwinden. Und obwohl man es bei aller Munterkeit nicht vermutet, vibriert der Text doch auch um einen Angstkern – um die Frage des Sichtrauens.
„Johanna“ ist die Auseinandersetzung mit den eigenen Möglichkeiten, nicht nur des Schreibens, sondern des Lebens, der Wahrheitssuche, des Ringens um Entwürfe. Und wer zugibt, wenig zu wissen, muss umso mehr Fragen stellen. Der Roman bildet sich im spekulativen Raum, und so ragt Johanna aus dem 15. Jahrhundert nicht etwa wie eine starre Galionsfigur in unsere Zeit. Felicitas Hoppe, inspiriert von der Lektüre der historischen Prozessakten, nähert sich ihrer Figur fast inquisitorisch.
Und während man noch mit überlegt, ob Jeanne d’Arc gelacht hat, aus Langeweile gekämpft, eine „Streberin Gottes“ war oder „bloß allein“, schält sich aus dem Eingeständnis der Unmöglichkeit einer Rekonstruktion eine zeitlose Gestalt mit schillerndem Charakter. Hoppe unternimmt gewissermaßen einen Abgleich von Größen – und zieht poetisch eine radikale Konsequenz. Denn wer sich auf der Ebene von Sprache mit einer starken Frauenfigur messen will, braucht ein breites Arsenal von Bildern, Szenen, Gesten. Kurzum: „praktische Einbildungskraft“.
Diesbezüglich ist in „Johanna“ eine Meisterin am Werk, die zudem um die Fallhöhe weiß. „Wie klein wir sind, wenn der Morgen anbricht, der uns mit einem Licht versorgt, das alles erbärmlich ins Deutliche rückt.“ Die Deutlichkeit ist schon immer eine der größten Feindinnen gewesen. Felicitas Hoppe hat ihr eine Vielfalt entgegenzusetzen, die ihresgleichen sucht.


Felicitas Hoppe: Johanna. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main. 171 S., 17,90 Euro.

Erschienen in der Stuttgarter Zeitung, 4. Oktober 2006