Paul Auster: Mann im Dunkel

von Anja Hirsch

 

21 Jahre sind vergangen, seitdem Paul Auster im „Land der letzten Dinge“ unterwegs war – jenem Roman, der sich von all seinen anderen Romanen unterschied, weil er so gnadenlos den Geruch des Todes in die Nase trieb. Er war erstaunlich geradlinig erzählt, die Endzeitstimmung allgegenwärtig. Nie danach schrieb Auster so konsequent vom Verfall. Er baute ihn stattdessen in die Erzähltechnik selbst ein: Figuren tauchten auf und verschwanden plötzlich. Oder nahmen einen anderen Namen an. Spuren führten ins Rätselhafte. Austers Geschichten wollten verwirren. Immer war man beim Lesen mit der eigenen Unzulänglichkeit konfrontiert. Wohin aber, fragte man sich, sollte das führen? Drohte nicht Gefahr, dass sich diese Vexierspiele eines Tages leer liefen und nur noch die Lust an der Technik, nicht aber an den Inhalten blieb?

In seinem neuen Roman „Mann im Dunkel“  kehrt Auster wieder in ein Trauerhaus ein. Drei Generationen teilen sich, unter einem Dach lebend, privates Leid: Der im Rollstuhl sitzende August Brill, dessen Frau an Krebs gestorben ist; seine Tochter Miriam, die nach einer Trennung zu ihm zieht; und ihre Tochter, Brills 23jährige Enkelin Katya. Sie unterbrach ihr Studium, nachdem ihr Freund Titus auf entsetzliche Weise ums Leben kam. Es ist kein privater, sondern ein politischer Tod. Paul Auster will seinen Roman in einen größeren Zusammenhang gestellt sehen. Er spielt in einer von Terror gepeinigten Welt und wäre ohne den Irak-Krieg der USA nicht denkbar. Rohe Gewalt ist im erzählten Jahr 2007 am Werk. An Titus, zufällig ausgewählt, exerzierte man ein Exempel der Macht. Mit Bedacht hält Auster Details bis zum Ende zurück.

Ihm geht es um etwas anderes: Er zeigt, wie exzessiv die drei Trauernden in diesem stillen Haus ihre Schrecken mit neuen Bildern zu überlagern versuchen. Katya sieht täglich mehrere Filme. August Brill denkt sich, wenn er nicht schlafen kann, Geschichten aus. Miriam schreibt emsig an einer Biografie über Rose Hawthorne, einer Frau, die nach Jahren des Scheiterns spät noch zum Glauben konvertierte und dreißig Jahre lang unheilbar Kranke pflegte. Miriam ist dem Augenblick auf der Spur, in dem sich ein Leben ins Positive zu wandeln anschickt.

Auch Auster geht es um diesen Moment. Nach Ausflügen ins Reich der Fiktion und Filmanalysen bahnt sich im Dunkel einer schlaflosen Nacht zwischen dem Großvater und der Enkelin ein Gespräch über die Vergangenheit an. Trauerarbeit ist das noch lange nicht. Aber ein Licht am Ende des Tunnels. Und man fragt sich, welchen Beitrag zu dieser Veränderung jene Geschichte leistet, die Brill nachts erfindet.

Er lässt einen Mann namens Owen Brick desorientiert in einem Erdloch erwachen (eine Anspielung an Saddam Hussein, den man eben darin fand?). Owen kommt ohne fremde Hilfe nicht heraus. Schließlich hilft man dem Uniformierten und erteilt ihm einen Auftrag: Er soll einen Mann umbringen, der „schreibend“ eben jenen Sezessionskrieg heraufbeschwor, der zur Zeit hier tobt. Der Gesuchte heißt wie August Brill selbst (vor seiner Rente war der jetzt 72jährige übrigens Literaturkritiker). Owen ist stark irritiert. Dieses „andere Amerika“ kennt weder den 11. September noch den Irak-Krieg. Dafür ist es mit sich selbst im Krieg. Wann nur, fragt er, haben sich „die Wege dieser beiden Amerikas“ getrennt? Zum Mörder werden will er schon gar nicht. Doch auch in Owens realer Welt, die er im Schlaf wieder erreicht, finden ihn die Auftraggeber und erschießen prompt den Mann, der nicht töten will.

So etwas macht Auster bekanntlich gern: Einen Erzählstrang abschneiden, wenn man gerade Gefallen am „Buch im Buch“ gefunden hat. Es meint so viel wie: Ich könnte bei diesen Figuren noch bleiben. Aber lohnt es sich, in diesem chaotischen Land zu verweilen, in dem Föderalisten unter George W. Bush gegen 16 unabhängige Einzelstaaten kämpfen? Selbst in dem Amerika, aus dem Owen kommt, überlebt man offenbar nur als Zauberer – diesen Beruf übte Owen aus, bis er gerichtet wird. Auster hat also eine Parabel erzählen lassen. Oder lässt er Seitentriebe nur deshalb gedeihen, weil seine erzählende Figur es schlicht liebt, aus jeder Idee „eine Geschichte herauszukitzeln“? Dann hätte man sich für manche mehr Raum gewünscht. Im Entfalten von Geschichten aus wenigen Anfangsstrichen ist Auster nach wie vor ein Meister.

Warum also diese Anspielungen auf ein jenseitiges, keineswegs besseres Amerika? Einen Schlüssel gibt uns Katya in die Hand: Um die Bilder von Titus‘ Tod aushalten zu können, „überspielt“ sie diese täglich „mit anderen Bildern“. Tatsächlich geht es also nicht nur um die Bestandsaufnahme eines Landes, das sich im Kern zu vernichten droht. Wichtiger scheint die Überlagerung selbst: In den Schichten dieses Romans haben sich Terror, Trauer, Krieg eingelagert. Paul Auster bezieht nicht Position. Aber er vernäht die Fäden einer brutalen Gegenwart zu einem Fluidum aus neuen Geschichten. Manche von ihnen vertreiben kurzfristig die Trübsal. Andere stehen neben den Figuren wie Fremdkörper oder lassen einen die Augen schließen, weil man die Details nicht erträgt. Alle haben etwas gemeinsam: Sie sind Teil von Lebens- und Weltgeschichten. Auster verwickelt sie in ein düsteres Zwiegespräch.

 

Paul Auster: Mann im Dunkel. Roman. Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Rowohlt Verlag, Reinbek 2008, 220 Seiten, 17,90 €. 

Erschienen in der Stuttgarter Zeitung, 2008