Carl-Henning Wijkmark: Nahende Nacht.

Gemeinhin folgt man Ich-Erzählern recht gerne in ihre Gedankenwelten. Jedenfalls dann, wenn sie entsprechend packend erzählen können. Zu wissen, dass der Erzähler seinem baldigen Tode entgegen denkt – wie in Carl-Henning Wijkmarks Roman „Nahende Nacht“ – erfordert hingegen ein besonderes Vertrauensverhältnis. Was, wenn er uns in Abgründe zieht, die wir jetzt noch nicht erkunden wollten? Hasse, die Hauptfigur im neuen Roman des 1934 geborenen Schweden, macht es uns leicht. Er umgibt sich schon zu Beginn seines letzten Krankenhausaufenhaltes mit klugen Büchern über die Kunst des Sterbens. Das schafft ein wenig Sicherheit. Und eben weil es so leicht fällt, ihm zuzuhören, gibt man ihn am Ende dieser kleinen Sterbensnovelle so ungern her.

Seine Erzählerposition ist so haltlos wie seine Lage. Man wundert sich nicht einmal, wie er das alles hat schreiben können, wo er doch am Ende sogar seine sterbliche Hülle verlässt: „versuche, die Beine über die Bettkante zu heben, aber ein riesiges Gewicht presst sie fest. Es ist kalt. Will den Arm heben, um Licht zu machen, aber er rührt sich nicht. Das ist alles. Nie mehr.“ Auch die Realität gibt bekanntlich keine Todesberichterstatter her. Was diesen hier dennoch so vertrauenswürdig macht, ist nicht seine Belesenheit, sondern seine entwaffnende Offenheit. So radikal hat zuletzt vielleicht Philip Roth in seinem Roman „Jedermann“ (2006) über das Verlöschen geschrieben; wie sich dessen Protagonist minutiös von einem Totengräber die Prozedur des Ausschaufelns erklären lässt, gehört zu den ergreifendsten, rätselhafter Weise sogar zu den beruhigendsten Szenen der jüngsten Literaturgeschichte über dieses Thema. Wijkmark ist ästhetisch gesehen genauso konsequent. Als Autor, der mit seinem Buch „Der moderne Tod“ (1978) schon früh die Überalterung thematisierte und sich in seiner Heimat Schweden an der Debatte um Sterbehilfe beteiligt (FAZ vom 22.8.09), verfolgt er aber noch ein anderes Ziel: das Sterben in Krankenhäusern aus der Sicht des Betroffenen zu schildern. Das hätte schnell eine pflichtversessene Etüde ergeben können, die auch noch den kleinsten, informativen Todestriller mit Fleiß hebt. Nichts davon ist „Nahende Nacht“.

Woran liegt das? Wijkmark gestaltet diese letzte Phase nicht als geradlinige Talfahrt. Es gibt Höhepunkte – Georg, der den Bücherwagen des Hospitals schiebt; das Herein- und Herausschweben der Schwestern; traumartige, prächtige Farben, die das Morphium dem Todkranken beschert. Und es gibt Variationen, wenn Hasse statt in Farben in tiefere, meditative Zustände versinkt. Dann tauchen Menschen aus der Vergangenheit auf, ja, es kommt „zu regelrechten Themenabenden“, zu Gesprächen, denen er lauscht, ohne selbst mitzureden. Nur einmal geht ein Ruck durch die Erzählung, als sich die beiden Mitsterbenden, mit denen Hasse noch zuvor gerne über den Tod debattierte, nachts von der Schwester ein Festmahl servieren lassen. Mit Wodka trinken sie sich entschlossen in den Tod. Danach ist Hasse sich selbst überlassen, wiegt Jenseitsvorstellungen des ägyptischen gegen das tibetische Totenbuch ab, um sich abzulenken – und beobachtet: wie man darauf wartet, dass auch er das Zimmer räumt, weil das die Kosten senkt; wie seine Lebenskraft kommt und geht und warum; wie jetzt öfters geputzt wird; und wie in diesen spätherbstlichen Tagen erst eine Taube, dann eine Fledermaus durchs offene Fenster flattert. Es wird nie direkt ausgesprochen. Aber man ahnt, dass die liebreizende Schwester Angela auch mehr reichen kann als die vorgesehene Dosis.

„Nahende Nacht“ ist selbst geschrieben wie ein wundersamer Traum mit wachen Episoden. Die Welt wird zwar enger. Aber dabei erzählt sich in fließender und genauer Sprache nicht der Tod, sondern das Leben, während man es zugleich hinter dem Vorhang verschwinden sieht – wie den ehemaligen Theatermann Hasse früher auf der Bühne. Hasse federt zwischen allem und bezieht keineswegs eindeutige Positionen. Mal wundert ihn das „Verbrauchen und Wegwerfen“ des menschlichen Lebens, und er will eine zweite Chance; dann wieder darf es ruhig schmerzgelindert verglühen. Je nach momentanem Zustand würde er auf die Frage nach Sterbehilfe anders antworten. Den professionellen Tröstern der Kirche misstraut er. Obwohl auch er immer deutlicher eine Sprache der Liebe pflegt.

Wijkmark spart das Körperliche nicht aus. Aber er zieht es ein wie die zwingende Handlungsebene eines Dramas, bei dem wenige Requisiten ausreichen, um das Leiden aufzurufen: die „Sandpapierzunge“ oder „diese qualmende Trockenheit, der Rauch, der mit meinem Körper abzieht“. Als löse er uns selbst aus diesem Drama sanft heraus, begleitet er in der Abgeschiedenheit dieses kleinen Zimmers seinen zum Sterben sich bereit haltenden Mann ganz langsam, ohne Eile, in jenen anderen Zustand; durch „kurze Schübe einer eiskalten Todesangst“, wenn die Kraft es zulässt; aber schließlich auch hinein in eine „Vereinfachung“, vor der sich alles verflüchtigt. Er macht ihn dabei milde. Und je mehr Hasse dank seiner zähen Widerständigkeit dieses Haschmich-Spiel mit dem Tod durchschaut, desto mehr Gewicht scheint von ihm abzufallen.

Man mag das alles als wohlgelauntes Finalcapriccio im Reich der alles erlaubenden Fiktion aufnehmen. Lieber will man sich aber verbeugen vor der Radikalität dieser in ihrem Minimalismus so prägnanten Erzählung, die keinen Winkel scheut. Carl-Henning Wijkmark, der für dieses Buch 2007 den bedeutendsten schwedischen Literaturpreis, den August-Preis erhielt, weicht die Komplexität des Themas nicht auf. Und womöglich liegt es sogar gerade an jenem reflektierenden, unbestimmten Tonfall, das einem bisweilen die Kehle eng wird. Bei aller Darstellung verschiedener Positionen überwiegt immer die Nähe zur Figur. Wijkmark lässt sie niemals fallen, während er sie, fast ein wenig zärtlich und alle Launen verständnisvoll hinnehmend wie die beiden Krankenschwestern, durch die Einsamkeit dieser letzten Lebensphase geleitet.

 

Carl-Henning Wijkmark: Nahende Nacht. Roman. Aus dem Schwedischen von Paul Berf. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2009. 154 Seiten, 17,80 €.

Erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 2009