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„Jede und jeder kann schreiben!“

Übers Kurse geben (Gespräch)

Dieses Interview gab ich im Vorfeld zum Tagesworkshop „Tauchgang ins eigene Ich“ während der 43. Baden-Württembergischen Literaturtage (veröffentlicht dort am 16. Juli 2026)

Literaturtage: Frau Hirsch, Sie haben sich wissenschaftlich mit Literatur beschäftigt, als Journalistin gearbeitet, Sie verfassen Romane und Erzählungen – und bieten Schreib-Workshops an. Wie läuft so ein Schreibseminar ab, was erwartet die Teilnehmerinnen und Teilnehmer?

Anja Hirsch: Es gibt Schreibimpulse, und dann geht es los. Dabei gilt immer: Erster Gedanke, bester Gedanke. Das funktioniert erfahrungsgemäß sehr gut. Es ist ein bisschen wie spielen, das verlernt man nie. Wer mag, liest das Entstandene vor. Wir anderen achten beim Zuhören darauf, was der Text mit uns macht. Gerade die Rückmelde-Runde wird oft als inspirierend empfunden. Der Text ist ja wie ein Rohdiamant. Und so behandeln wir ihn auch. Mit Fürsorge und Entdeckerfreude. Irgendwas leuchtet immer oder berührt. Dazwischen gibt es natürlich auch ein bisschen Input und Hintergrund.

Kann da jede und jeder mitmachen – oder richtet sich der Kurs an Menschen, die bereits Schreiberfahrungen gesammelt haben?

Jede und jeder kann mitmachen, auch diejenigen, die sonst nur Einkaufszettel schreiben. Viele glauben ja, dass sie nicht schreiben können. Vielleicht haben sie es aber nur lange nicht mehr versucht. Und dann sind sie meist selbst überrascht über das, was in kurzer Zeit entsteht. Es macht Freude, zusammen die verschiedenen Tonarten aller zu hören und zu würdigen.

Bei den Baden-Württembergischen Literaturtagen in Bad Mergentheim finden zwei Workshops statt – am 12. September und 10. Oktober. Es ist der gleiche Kurs, zu jeweils zwei Terminen im Angebot. Der Titel lautet: „Tauchgang ins eigene Ich“. Was kann man erfahren, wenn man schreibend das Ich erkundet? Kann man da etwas herausfinden, was vielleicht auf andere Weise nicht zu entdecken ist?

Wenn ich darüber schreibe, wie ich als Kind Federn sammelte oder stundenlang in den Himmel sah, verbinde ich mich automatisch mit meiner Neugier, mit meiner Selbstvergessenheit. Wenn ich es nur erzähle, bleibt es vielleicht flüchtiger. Wenn ich es aber aufschreibe, finden sich Details oder Wörter, die mich wirklich wieder in die Erfahrung bringen. Ich kann es förmlich fühlen, riechen, hören, sehen. Dadurch verbinden wir uns besser damit, wir erwecken etwas längst Vergessenes. Das kann Schönes sein, aber auch mal Trauriges, das dann aufgehoben und getragen ist, darauf achten wir im Kurs. Die Teilnehmenden sind oft selbst überrascht, was erzählt werden will. Manchmal taucht jemand auf, an den ich lange nicht dachte, der aber offenbar wichtig für mich war. Schreiben ist wie ernten. Es hilft uns auch für die Zukunft, für die Neuausrichtung. Wir sehen besser, was wir loslassen wollen und woran wir gerne wieder anknüpfen wollen.

Hilft Sprache dabei, das eigene Leben besser zu verstehen?

Wenn wir schreiben, nutzen wir eine andere Quelle, dann führt oft das Unbewusste die Feder. Schreiben hilft uns beim Erinnern. Und auch, wenn wir erfinden, können wir uns überraschen lassen und genau hinhören, was sich zeigt. Roger Willemsen sagte: Ich vergegenwärtige mich. Wir vergegenwärtigen uns. Das ist gerade heute, in unserer schnelllebigen Zeit, so wichtig. Schreiben entschleunigt und hilft beim sich Vergegenwärtigen.

Nehmen wir an, ich würde gerne am Workshop teilnehmen, fühle mich aber zu unsicher oder zu schüchtern und kann mir noch nicht vorstellen, in einer Gruppe etwas zu schreiben und zu besprechen – was würden Sie mir sagen?

Einfach mal ausprobieren. Was entsteht, darf sein, auch und vor allem unfertig! Ein bisschen Mut braucht man schon. Aber wenn man es dann macht, ist es eine Erfahrung, die einen stärkt. Wem nichts einfällt, der fängt einfach mit diesem Satz an: Mir fällt gar nichts ein… – und wenn man dann weiter schreibt, kommt sicher etwas. Es macht viel Freude und ist wie eine kleine Reise.