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Okt 30 18

Gerhard Roth: Entdeckungen im Inneren von Wien

Claus Brunsmann

Wäre Gerhard Roth nicht Schriftsteller geworden, beugte er sich wohl gerade, etwa als Insektologe, über die besondere Spezies eines Schmetterlings. Vielleicht arbeitete er auch als Wurmspezialist wie jene „feine Dame“ im Naturhistorischen Museum von Wien, „die jedes einzelne ihrer Tausenden, in klarem Alkohol und Zylindergefäßen aufbewahrten Tierchen liebt“. Jetzt, als Autor, liebt Roth die Tiere, die Menschen, die Gegenstände, weil sich hinter manchen eine schöne Geschichte verbirgt. Und weil er sie nicht alle kennt, lässt er in seinem neuen Buch „Die Stadt. Entdeckungen im Inneren von Wien“ oft Andere davon erzählen.

Die in Gerhard Roths Innerem kleingeschrumpften Biologen, Geologen, Historiker, Mediziner (mit dem gleichnamigen Hirnforscher teilt er übrigens nur das Geburtsjahr 1942) hat man über die Jahre seines literarischen Schaffens immer wieder herausgehört. Sie luden ihre kleinen Details bereits in Roths Essays und Romanen ab, die monolithische Titel tragen wie „Der See“, „Der Plan“, „Der Berg“, „Der Strom“ oder „Das Labyrinth“. Roths Romane verwandeln sich tatsächlich oft in wuchtige Wissenslabyrinthe, an denen seine Figuren allmählich irre gehen, wenn sie es nicht schon von Anfang an sind. Und auch die Leser wissen nicht immer Sinn und Zweck dieses Aufgebots an Wissen, bleibt doch am Ende oft ein geheimnisvoller, ungelöster Rest.

Die Stadt Wien nun, die unterirdische ebenso wie die oberirdische, ist Gerhard Roth ans Herz gewachsen. Seit 1986 durchforscht er sie, und schon einmal war ein Buch aus diesen Essays, die er für die ZEIT und die FAZ schrieb, daraus hervorgegangen („Eine Reise in das Innere von Wien“, 1991). Viel Text ist seitdem nachgewachsen. Roths Vorgehen wirkt dabei immer planvoller. Nie ist er nur Journalist, nie nur Sammler für einen Lexikonartikel. Obwohl er alles das zugleich auch ist. Sobald aber Gefahr besteht, dass eines von beiden überwiegt – das Auflisten von Informationen oder das Sich-Verlieren in einer schönen Nebengeschichte – nimmt Roth Zuflucht in einer intimen Gedankenbucht: Hat nicht das Wiener Nachtpfauenauge, das sich einmal mehr als eine Stunde lang auf Roths alter Eingangstür niedergelassen hatte, mehr Zugkraft als alle die hinter Vitrinen gefangenen Schmetterlinge des Museums zusammen? Von seinen Essays geht ein geheimnisvolles Netzwerk aus, horizontale wie vertikale Linien. Sie ergeben mysteriöse Pfade und führen unversehens von der getanzten Sprache eines Bienenschwarms über die Gebärdensprache der Gehörlosen bis hin zu jenem blinden Pfarrer, der sich von seinen Gehilfen schildern lässt, was diese gerade beobachten.

Eigentlich macht Gerhard Roth nichts anderes, wenn er etwa mit dem Direktor des Wiener Uhrenmuseums ehrfurchtsvoll durch den „Zeittempel“ läuft, vorbei an den „Phantasieuhren“, welche die Autorin Marie von Ebner-Eschenbach sammelte. „Man finde überall“ – lässt er den Uhrenkenner sprechen, der eine dieser Uhren „in den Handschuhen hält“ – man finde überall „einen verborgenen Knopf, den man drücken müsse… Ein Deckel springe dann auf, und man könne die Zeit ablesen.“ Und während Roth von diesen Führungen stets im sanft trabenden Konjunktiv erzählt, passiert etwas ganz Wunderbares: Die Menschen selbst, jene Wissensspeicher aus Museen und Instituten oder deren Bewohner, treten aus den Texten als manifeste Figuren hervor – selten befragt, obwohl sie doch so viel Spannendes zu erzählen haben. Dann ziehen sie sich wieder in ihre Archive, Schädelgänge, einsamen Labore oder Schulräume zurück.

Gerhard Roth, das erklärt er immer gerne, ist ein Liebhaber von Zeichen. In Wien nun macht er jenseits der allgemeinen Touristenströme seine ganz eigenen Wundertruhen auf und zoomt sich vom Großen zum Kleinen, vom Meteoriteneinschlag in rasanter Erzählgeschwindigkeit herunter zum niedersten Insekt, so ausdauernd, bis man meint, man halte die Ührchen und Würmchen selbst in den Händen. Am Ende, nach weiteren Besuchen in den Kunstkammern der Habsburger, dem Blindeninstitut, dem Bundes-Gehörloseninstitut oder dem Flüchtlingslager Traiskirchen, meint man, selbst Wahrnehmungsübungen unterschiedlichster Art mitgemacht zu haben. Und manchmal macht sich dann das typische Gerhard-Roth-Gefühl breit, das einen überall nach Bedeutung suchen lässt. Roth selbst konstruiert aus den Mauerflecken seines Hauses oder der Beobachtung Wiener Krähen seine persönliche Stadtkarte der österreichischen Hauptstadt. Und stellt – das ist seine größte Kunst – Fakten selbsterklärend nebeneinander, bis sich in seinen scheinbar unbehauenen Essays die Zusammenhänge dann wie von selbst ergeben.

Was also ist Roths Wien-Buch? Ein Lexikon ohne Register, eine Fundgrube für abgebrühte Wienkenner? Dies alles, aber eben auch mehr – denn Roth hinterlässt selbst wieder Spuren. Man mag das postmodernes Erzählen nennen – tatsächlich legt Roth ja gewissermaßen Wiens Wurzelgeflechte frei. Oder man sieht in seinem Buch einen Erlebnisparcour ohne Versicherungsschein – denn es kann sein, dass die Leser am Ende dieser Textsammlung wie abgefütterte Schüler hilflos unter dem Ballast der Fakten zusammenbrechen. Wer das aber aushält, wird auf jeder Seite reich belohnt. Der Echoraum, den diese großartigen Rundgänge bisweilen entfachen, kann dann gewaltig hallen.

Gerhard Roth: Die Stadt. Entdeckungen im Inneren von Wien. Frankfurt a.M., S. Fischer Verlag, 550 Seiten, 20,95 €.

Erschienen in der Frankfurter Rundschau, 2009

Okt 30 18

Karl Friedrich Borée: Frühling 45

Claus Brunsmann

Frühling ’45 kurz vor Kriegsende in Berlin. Herr Stein ist mit Frau und 28jähriger Tochter mit letzten Habseligkeiten unterwegs, raus aus der Gefahrenzone im Stadtzentrum. Am äußersten Zipfel Berlins, vermutlich Frohnau nachempfunden, wo der Autor dieses Romans selbst letzte Bombennächte erlebte, wartet ein neues Quartier. „Wir gingen schweigend, zweifellos machte uns alle drei der Eindruck des anderen stumm; aber mich drosselte auch die Angst vor der abgründigen Unzuverlässigkeit der Dinge, die uns die Zeit gelehrt hatte.“ Ein Zeitzeuge schildert unsentimental und doch fesselnd diese Ausnahmezeit um die sogenannte „Stunde Null“. Er gewährt Einblicke in gerade noch geöffnete Büros oder in das letzte Restaurant, das noch auftischt, ein unwirklicher Ort mitten in Ruinen.

Die Atmosphäre des Niedergangs blitzt in Momentaufnahmen auf, während diese kleine, sich ständig erweiternde Überlebensgemeinschaft um Familie Stein die Villa eines geflüchteten Naziobersts bezieht: „Die Zimmer widersetzten sich uns. Wir kamen uns unanständig vor. Eine Wohnung ist ein weites Kleid; ich ziehe nicht gern fremde Sachen an. Vor allem nicht heimlich.“

Erstaunlich, dass man den Autor Karl Friedrich Borée kaum kennt. Geboren 1886, wächst er unter dem Namen Friedrich Karl Boeters in einem Görlitzer Arzthaushalt auf. „Borée“ nennt er sich nach der Großmutter. In Königsberg und Berlin arbeitet er als Jurist und schreibt: Romane, Essays, Artikel. „Frühling 45. Chronik einer Berliner Familie“ entstand 1948 entlang der Tagebücher. Es gilt als Borées Hauptwerk und ist allein aus sprachlicher Sicht eine echte Entdeckung. Borée verfügt über einen unwahrscheinlichen Wortschatz und Wortwitz. Er schreibt trocken, lakonisch, auch mal an den grässlichen Umständen implodierend. Er wirkt wahrhaftig und gegenwärtig.

Der Ich-Erzähler namens Stein ist Borée vermutlich zumindest geistesverwandt. Er ist die tragende Säule des Romans, ein sprachgenauer Feingeist, leidenschaftlicher Demokrat und Denker. Noch geht er täglich zur Arbeit im Archiv einer großen Berliner Bank, bis die Angriffe alle Gänge unmöglich machen. Sein Herz aber hängt an einer Kultur-Zeitschrift, die längst nicht mehr erscheinen darf. Spannend deshalb auch die geschilderten Umstände nach russischer Eroberung und Neusortierung. Im amerikanischen Sektor darf die Zeitschrift entstehen. Sie wird zum Sinnbild eines Neuanfangs. Tendenz: „ein Sozialismus im Namen der Humanität“. Stein will „einer Gesellschaft, die atomisiert war, die überhaupt keine Gesellschaft mehr bildete“, einen Unterbau schaffen. Der „Frondeur der Theorie“, wie er sich selbstkritisch nennt, lebt regelrecht auf, wenn er denken darf. Er grübelt über Begriffe wie „metaphysisches Schuldgefühl“. Und wenn er mit Schwebel, einem Bekannten, vorbereitend auf den Machtwechsel in diesen letzten Kriegswochen zum Russisch-Lernen zusammentrifft, läuft er gar zu diskursiver Hochform auf. Was für ein originelles Debatten-Duo! Schwebel kontert mit indischer Philosophie und entschuldigt vieles. Stein beharrt und hakt nach: War der Mord schon in der Welt? Oder haben die Menschen den Mord erst in die Welt gebracht?

Als „Frühling 45“ 1954 im Darmstädter Schneekluth Verlag erscheinen konnte, waren Fragen nach Schuld noch wenig erwünscht. Dass der Autor so verschwand, liegt also auch am unglücklichen Zusammentreffen von Zeit und Werk. Borées Erstling, die Liebesgeschichte „Dor und der September“ (1930) ist noch ein Verkaufsschlager, gepriesen etwa von Vicky Baum. Danach wird es schwer. 1936 veröffentlicht der im Ersten Weltkrieg lebensgefährlich Verwundete den Antikriegsroman „Quartier an der Mosel“, der verboten wird. Weitere Werke sind unverfänglicher, was nicht heißt, dass er sich anpasste. Das Hadern mit sich selbst und die unablässige Suche nach Gründen für die Verführbarkeit der Menschen prägt seine Werke. „Diesseits von Gott“ (1941) ist ein Aufruf zur Humanität. „Ein Abschied“ (1951) erzählt vom Untergang Königsberg. „Semiten und Antisemiten“ (1960) ist ein Gedenk- und Erinnerungsbuch an Freunde und Bekannte mit jüdischem Hintergrund, das auch radikal die eigene Rolle hinterfragt. Nach dem Krieg geht Borée, seit 1946 Mitglied der SPD, gegen die neuen Diktaturen im Osten vor. Als Theaterkritiker, Kolumnist und Mitglied verschiedener Schriftstellerverbände bezieht er Stellung. Nach seinem Tod 1964 in Darmstadt – er litt an Parkinson – geraten seine Werke in Vergessenheit.

Ein Glück also, dieses Dokument einer Umbruchszeit wieder lesen zu können. Es ist Lebensphilosophie und hautnahe Alltagsbeschreibung, gefiltert von einem Erzähler, der nicht recht weiß, ob er die Menschen lieben oder verachten soll. Aus diesem ambivalenten Blickwinkel heraus sammelt er nicht nur Trümmerbilder, sondern auch „Glücksgüter“: Eine geschenkte Zigarre. Eine Extraration Brot. Einen schönen Morgen mit viel Sonne.

Porträts und Dialoge sind Borées Stärke. Mit wenigen Strichen macht er die Figuren so leibhaftig, dass man mit ihnen lebt und leidet. Da ist Flitta, die Haushälterin der Vorgänger; da ist Maximiliane, die Tochter, „täglicher Anlass zu Vergnügen und Freude“; oder Frau Busch, Steins Sekretärin, die er aus Trümmern holt und kurzerhand bei sich einquartiert. Oder Kordysant, der das allgemeine Chaos nutzt und als falscher Arzt praktiziert. Borées Prosa kennt viele Färbungen. Da ist der Reportagenton und journalistische Kurzsätze wie „Der Tod würfelte. Die Nerven zitterten.“ Sie stoßen einen erbarmungslos in die Wunde der Stadt. Dann wieder die humane Botschaft und unverstellte Empathie: „All diese Jugend, deren Seide der Krieg sozusagen beiläufig verschliss, zerschnitt mir das Herz.“ Es gibt auch zeittypisches Pathos, wenn das Neue sich ankündigt. „Mir war, als ob wir aus dem Gebirge in die Ebene getreten wären.“

So kommt in diesem emotionalen Wechselbad alles scharf nebeneinander zu stehen: Die Nächte im Keller und die „neuen Wörter“ der Zeit; „Bombenteppiche, Flächenbrände, Nachtschlachtflugzeuge“; die vielen kleinen Gesten einer Nächstenliebe, ohne gegenzurechnen; aber auch der hamsterische Egoismus einer Bevölkerung, die im Durcheinander der Verhältnisse zur ängstlichen, gierigen Herde wird. „Alles lebt von der Nachahmung, vom Gruppenbild“, begründet Stein einmal die fehlende Moral. „Die Menschheit ist nicht schlechter geworden, sondern sie ist nackt geworden.“

Die Fülle an Details lässt an den beklemmenden Roman „Finale Berlin“ von Heinz Rein denken, 1947 erschienen, eine der großen Wiederentdeckungen der vergangenen Jahre. Borées Blick „vom Rand der Dinge, doch nicht außerhalb ihrer Bannmeile“ ist ganz anders im Ton; subjektiver und zurückhaltender, wenn man so will. Gerade das macht „Frühling 45“ aber auch jenseits der Kulisse von Zerstörung und Neuanfang überzeitlich und relevant. Axel von Ernst, der mit Viola Eckelt den Lilienfeld Verlag leitet, konnte überdies Borées Sohn ausfindig machen, der biographische Informationen beisteuerte, die das Marbacher Archiv, wo Borées spärlicher Nachlass liegt, nicht hatte. Pionierarbeit also. Man darf gespannt sein auf wiederzuentdeckende weitere Werke dieses originären Autors.

Karl Friedrich Borée: Frühling 45. Chronik einer Berliner Familie. Roman. Mit einer Nachbemerkung zum Autor. Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2017. 461 Seiten, 24,90 €.

erschienen in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG,  Januar 2018

Okt 30 18

Hanns-Josef Ortheil: Der Stift und das Papier

Claus Brunsmann

Hanns-Josef Ortheil, geboren 1951, ist der Schriftsteller, der nicht sprach. In „Die Erfindung des Lebens“ (2009) erzählt er eindrucksvoll, wie er im dritten Lebensjahr verstummt war, zusammen mit der Mutter. Sie hatte während des Krieges und danach vier Söhne verloren. Vielleicht imitierte er sie. Vielleicht körperte sich die Trauer der Mutter tief in den einzig verbliebenen Sohn ein. Wie aber fand „das mutistische Kind“, so die heute gebräuchliche, kühle Diagnose, in das Sprechen wieder hinein und wurde schließlich der renommierte Autor so vieler Romane, die das Leben besingen?
 Das erzählt nun „Der Stift und das Papier“, ein Buch, allen Vätern ans Herz gelegt, obwohl die Geschichte als Gegenpart genauso unbedingt auch den guten Sohn braucht. Es ist also die Geschichte vom guten Vater und vom guten Sohn. Sie beginnt im Westerwald, wo der Vater gerne in seiner Jagdhütte sitzt und großformatige Baupläne für seine Arbeit als Geodät, als Vermesser zeichnet. Ein heiliger Ort, den der Sohn normalerweise nicht betritt. Diese besonderen Sommerferien aber doch. Es gab nämlich zuvor in Köln, wo man zu dritt wohnt, ein Lehrergespräch, an dessen Ende dem Vater mitgeteilt wurde, dass es so nicht ginge mit dem Sohn in der ersten Volksschulklasse. Er hatte zwar wieder zu sprechen begonnen, von einem Tag auf den anderen, nachdem der Vater mit ihm viel Zeit im Wald verbrachte und ihn alles, was er sah, zeichnen ließ. Aber der Junge komme nicht mit. Er müsse Lesen und Schreiben lernen und ansonsten in die Sonderschule.
Der Vater lässt sich davon keineswegs unter Druck setzen. Er gibt den Druck auch nicht an den Sohn weiter. Im Gegenteil schafft er in den anstehenden Ferienwochen in der Jagdhütte aus Geduld, Beziehung und Zurücknahme seiner selbst eine besondere Atmosphäre. Zunächst allein durch Pauspapier, das er auf den Tisch heftet. Hanns-Josef darf Kreise darauf malen, so viele, bis sie ein Himmel sind, mit farbigen Buntstiften und Bleistiften, die gut in der Hand liegen. Warum nicht einfach den Bleistift beschreiben? „Hauchdünn“ steht darauf, ein schönes Wort. Im Hintergrund läuft Klaviermusik, ein bisschen Bach, ein wenig Händel. Essen und Trinken bleiben draußen. Die Jagdhütte ist ein Raum der Konzentration und bald auch der Kontemplation. Einige Stunden und Tage und Wochen später hat der Junge so viel Gemüse abgezeichnet, Radieschen, Rettiche, Kürbisse, das Wetter beschrieben und was er am Morgen gefrühstückt hat, dass sich neben dem Arbeitstisch im Wandregal kleine, quadratisch ausgeschnittene Zettel stapeln, „ein Archiv“, freut sich der Vater, und der Sohn fragt nach: „Ein Archiv?“
Hier nun muss man kurz innehalten, um wirklich würdigen zu können, was diesen Vater auszeichnet. Er hebt jetzt nicht etwa bescheidwisserisch mit Erklärungen und Definitionen darüber an, was ein Archiv sei, sondern sagt schlicht: Beschreib es doch einmal, in deinen eigenen Worten. Die Formulierung, die sich dann findet, ist so schön und genau, dass sie aufgeschrieben gehört, „damit wir sie nicht vergessen“, und man merkt schon: Da ist er, der Keim jener Besessenheit, die Schriftsteller auszeichnet, Ortheil insbesondere, der bis heute wahrnehmend und aufschreibend lebt. Diese Lebensform scheint hier gegossen, in der Jagdhütte zwischen Stift und Pauspapier, in der Beziehung zwischen einem Vater und seinem Sohn. Ist genug gearbeitet in der Schreibschule, tönt nicht etwa ein Pausengong, sondern der Vater sagt: Jetzt wollen wir alles eine Weile vergessen. Dann freuen wir uns später umso mehr.
Die Lebenswirklichkeit des Jungen erhält in diesen von ihm selbst gefundenen
ureigenen, genauen Formulierungen eine Tiefenschärfe, wie sie kein Schulbuch mit langweiligen Diktaten vermitteln kann. Alles ist für ihn plötzlich greifbar, so, als baumelten an jedem Ding und jedem Gedanken einzelne, beschriftete und bemalte Schilder. So beschreibt es Ortheil einmal. Und man kann sich die Konfusion und Dunkelheit der „unheimlichen Zeit“ davor nur annähernd ausmalen, wenn er andeutet, er habe sich ein Küken grün vorgestellt, wegen des gemeinsamen Lauts „ü“. Noch heute habe er Angst, dass dieser Zustand wieder beginnt. Diese Angst schlägt die Brücke in eine Vergangenheit, die selbst wie durch Pauspapier sichtbar wird: leicht verschleiert, weil einem der Verstand beim Lesen streberhaft zuflüstert, dass Erinnern auch Umbauen und Neuordnen bedeutet. Aber warum auch nicht? Und wie schon in den anderen autobiographisch gefärbten Büchern, „Die Moselreise“ oder „Das Kind, das nicht fragte“, ist alles leicht und behutsam und mit einer Langsamkeit erzählt, die dem faszinierenden Vorgang des Ins-Leben- Gehens angemessen erscheint. Ortheil muss sich dabei nicht einmal anstrengen. Er ist wieder „das Kind, das schreibt“ und muss nicht in dritter Person erzählen, wie noch in der „Erfindung des Lebens“. Er schreibt dieses Buch in der Jagdhütte, und alles ist in rascher Folge wieder da.
Gerade weil es nie ums Erfinden, nie ums Schriftstellerwerden ging, hatte die- se unbefangene Schreibschule des Vaters große Wirkung. Zum einen traf sie überraschenderweise auf einen wortbereiten und wortbegeisterten, mitmachenden Sohn und dessen Formuliertalent. Zum andern lebte sie von ungewöhnlichen Ideen. Heute würde man sagen: Sie installierte Kulturtechniken. Die Ortheils sprachen von „Tagesseiten“, die sie aus den gesammelten Papieren mit ausgeschnittenen, selbstbeschrifteten Lieblingszeitungsfotos erstellten: Verdichtungen bis zum „Wochengedicht“, das sieben Tage in wenigen Zeilen erinnerbar machte. Man kann diese wachsende Chronik hervorholen und anschauen. Auch dafür wird extra Zeit einberaumt. Dem Jungen, der zuvor in der Zeit schwamm, gibt die in eigenen Worten festgehaltene Zeit neuen Halt. Bis heute pflegt Ortheil Tagesnotizen, die Material für Romane werden können. Die Lehrstunden zum kreativen Schreiben an der Hildesheimer Universität, an welcher er seit 1990 unterrichtet, sind möglicher- weise auch ein Vater-Memorial.
Fast entschuldigend fällt das Wort „genial“. Der Vater, der in der „Moselreise“ seinen Sohn durch Ortswechsel rettete, schien pädagogische mit psychologischen Fähigkeiten spielerisch vereint zu haben. Vor allem aber hat er eine funktionierende Beziehung zur Verfügung gestellt. Und so kann die Privatschule, die keinem Kanon dient, ausgebaut werden. Erste Dialoge und Szenen entstehen. Besondere Wörter wie „Haudegen“ werden „bestimmt“ wie seltene Pflanzen. Die Welt wird zu Wörtern und umgekehrt. Man vergisst fast, dass alles aus der Not geboren war, dass es nie um Literatur, sondern ums „Normalwerden“ gegangen war. Die Prüfung zum Schuljahresbeginn besteht der gelehrige Schüler mit links. Verzaubert aber hat ihn kein Lehrplan, sondern die Schreibzeit in der Hütte.
Gerade rechtzeitig stößt dieses Buch aus dem fast sakralen Raum einer gelingenden Vater-Sohn-Geschichte in die wortlosen Suchbewegungen des Heranwachsenden vor. Die bundesrepublikanischen Fünfziger staffieren diese Innenkulisse mit jener vergilbten Farbe aus, die dem Erzählten zuträglich ist. Der Junge, der schreibt, muss damit ja noch an die Öffentlichkeit. Erste Leserin ist die Mutter, zweite schon Andrea, eine Mitschülerin, der eher an heimlichen Treffen gelegen ist, was der Gleichaltrige naturgemäß nicht gleich begreift. Das heimliche Schreiben entzieht sich mit dem Erstabdruck dreier Miniaturen in der örtlichen Zeitung allmählich dem engen Kreis der Eltern. Die Loslösung beginnt. Bäckersfrauen und Metzger wissen nun vom „Kind, das schreibt“. Geradezu befreiend wirkt Ortheils abschweifendes Erzählen entlang dieser Schreibbiographie hin zu Fragen um Ruhm, Medialisierung, Besessenheit. Er bewegt sich aus der „peniblen Exaktheit“, welche die väterliche Statistikberechnung charakterisiert, in den weiten Raum der Reflexion und Selbstzweifel hinaus; vom Zirkelkasten der Jagdhütte in die leisen Verwirrungen neuer Hürden. Und das Kind wie das Buch beginnen zu atmen, als endlich von Mitschülern wie „Manni“ die Rede ist, vom Schreiben für Zeitungen und zuletzt vom „Weiterschreiben“ – schließlich auch gegen das Klavier, denn lange bleibt unentschieden, ob Ortheil Pianist wird oder Autor.
Man weiß, wie der Kampf ausgeht und hat manches in Variationen schon anderswo gelesen. Und doch berührt am Ende die Erkenntnis, dass Schreiben die Einsamkeit des stummen Kindes reinszeniert. Diesen dunklen Raum, den Kreativität zu entgrenzen vermag, erforscht „Der Stift und das Papier“.

Hanns-Josef Ortheil: „Der Stift und das Papier“. Roman einer Passion. Luchterhand Verlag, München 2015. 384 S., geb., 21,99 €.

erschienen in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG, Februar 2016

Jan 30 18

Thema Lieblings-Romanfigur: Bastian Balthasar Bux

Claus Brunsmann

Lesen kann ein durch und durch körperlich ergreifender Vorgang sein. Das erleben wir an keiner Romanfigur so deutlich wie an Bastian Balthasar Bux, dem „kleinen, dicken“ Jungen, der in Michael Endes „Unendlicher Geschichte“ eben diese einem Buchhändler entwendet. Versteckt auf dem Speicher seiner Schule, versinkt Bastian buchstäblich in der Welt, von der er dann liest: Phantásien, ein Land in tiefster Depression, bedroht vom Nichts, das Körperteile und ganze Wesen verschluckt, weil die Menschen das Fantasieren verlernt haben. Bastian schluchzt, als Atréjus Pferd in den Sümpfen der Traurigkeit versinkt. Und er stößt einen Schreckensschrei aus, als Atréju mit der Riesenspinne Ygramul um das Leben des Glücksdrachen ringt – einen Schrei, den man bis in die Schlucht hört, von der Bastian doch nur liest. Kann das sein? Ganz allmählich verwandelt sich Bastian vom passiven Rezipienten zum überaktiv Agierenden, und das nicht ganz unfreiwillig: Seine Mutter ist tot, der Vater unter der Trauer wie eingefroren, die Schule ein Hort von Quälern. Flucht ist Bastians innigster Wunsch. Da trifft es sich gut, dass er in die Geschichte hineingerufen wird, um Phantásien zu retten. Auf sein Geheiß wächst erst Perélin, der Wald, dann die Wüste Goab. Ab hier wird er zunehmend unangenehm, ein niemals sattes Kind mit Riesenwünschen, dessen Größenwahn niemand stutzt. Die Sympathieträger des Romans, Atréju und der Glücksdrache Fuchur, verjagt er. Wie kann er nur! Er kann – weil mit jedem Wunsch seine Erinnerung an das alte Leben schrumpft. Fast wäre er in Phantásien geblieben, als irrer Geisteskranker ohne Entwicklung. Doch es gibt während seines Austobens eine Eigenschaft, die uns mitleiden lässt und die Atréju sofort erkennt – das erste Mal, als er Bastian als Spiegelbild sieht, und all die anderen Male, wenn er selbstlos zur Stelle ist, um dem Gleichaltrigen zu helfen: „Die Augen des Jungen waren groß und sahen sehr traurig aus.“ Bastian ist im gleichen Maß normal wie Atréju übernatürlich gut ist. Fast vergisst man, dass Bastian selbst nur eine Romanfigur ist. Michael Ende prüft ihn bis aufs Mark. Bastian muss Vater und Mutter vergessen, schließlich sogar seinen Namen. Nackt und bloß taucht er in die Wasser des Lebens, nicht wissend, ob es ihn selbst in Wirklichkeit gibt. Seine Versenkung ins Buch ist gefährlich, seine Rückkehr in das alte Leben unsäglich lange ungewiss. Aber dank „Änderhaus“ (wie außerordentlich praktisch!) und vieler großmutiger Wissender lernt er beim Grenzübertritt „Herzensfrohheit“. „Er war geduldig und still geworden.“ Zeit, Phantásien zu verlassen.

erschienen in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG,   2009

Okt 30 16

Edmund de Waal: Scherben machen glücklich

Claus Brunsmann
Edmund deWaal

Edmund de Waal, Keramikkünstler und Autor, lädt zu einer Reise durch die Geschichte des Porzellans.

 

Eines vorweg: Eine Porzellan-Teeschale wird man nach diesem Buch mit Anmut benutzen – sofern man es nicht schon tut. Man fühlt und würdigt die Herkunft des über tausend Jahre alten Materials. Dessen Geschichte erzählt hier ein Fachmann: Der britische Keramiker Edmund de Waal. Seine kunstvollen Objekte stehen in Museen. Als Dozent an der University of Westminster in London ist ihm die Weitergabe des Wissens ein Anliegen. In seinem neuen Buch „Die weisse Strasse“ reist er auf den Spuren seiner Leidenschaft bis nach China und zurück zu Orten in Sachsen und Cornwall.
Dass er spannend und bildstark schreiben kann, hat er bereits in seinem erfolgreichen Roman „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ (2011) über die bewegte Geschichte seiner Familie Ephrussi bewiesen. Diese Achtsamkeit im Umgang mit Worten zeichnet auch jetzt seinen Stil aus. Unterhaltsames, etwa dass „porcellani“, der Spitzname der Kaurimuscheln, einst von venezianischen Jungs hübschen Mädchen hinterhergerufen wurde, verbindet sich mit Beschreibungen des Handwerks und seiner meditativen Komponente. Die Drehscheibe war bereits für den fünfjährigen Edmund de Waal in Canterbury „ein Versuch, einen kleinen Teil der Welt zur Ruhe kommen zu lassen“. Die Farbe Weiss spielt in seinem Werk eine grosse Rolle. Warum – das will er verstehen. Das „Arkanum“, das Geheimnis um das Rezept lockt ihn, jenen Glücksstoff zu erkunden, den Keramiker den „Scherben“ nennen.
Der venezianische Händler und Weltreisende Marco Polo erwähnte 1291 erstmals im Westen Porzellanschalen. 500 Jahre lang wusste niemand, was das eigentlich ist. Ein „Saft, der unter der Erde aushärtet“, wie ein italienischer Astrologe im 16. Jahrhundert spekulierte? Oder eine Mischung aus Eierschalen und Schnecken? Manche sprachen gar davon, dass das „weisse Gold“ aus geheimnisvollen Hügeln stammt, die bis zu vierzig Jahre ruhen müssen. Das Material, das in Formen gegossen oder beim Drehen unter Meisterhänden dünner und dünner werden kann, „wie Blattgold“, das „in die Luft emporflattert“, sauber und weiss, ist tatsächlich ein zauberhafter Stoff: „Es ist leicht, wo die meisten Dinge schwer sind. Es ist hell, wenn man daran klopft. Man kann das Sonnenlicht durchscheinen sehen.“ Wer wäre da nicht besessen?
Porzellan besteht vorwiegend aus zwei verschiedenen Mineralien. Aus Feldspaat, dem „Fleisch“. Und aus Kaolin, der Porzellanerde, dem „Knochen“. Es wird bei grosser Hitze gebrannt. Zu verstehen, warum diese Verbindung das aushält, ist Antrieb für de Waals Recherchereise. Antworten und „Gralsmomente“ findet er auf verlassenen Abbruchhalden in China. Oder an Flüssen, wo früher die Kaolinerde vom Berg auf Bambusflüssen die Wasserwege hinuntergesteuert wurde. Und natürlich in Jingdezhen, seit 1700 Jahren chinesische Hauptstadt des Porzellan. Einst arbeiteten hier Mischer, Mahler, Korbflechter bis hin zu „Aschenmänner“ und den Wachen der kaiserlichen Manufaktur. Es gab Arme oder Blinde, die ihr Leben damit zubrachten, Farbpigmente zu zerstampfen. Alte Listen verzeichnen 23 unterschiedliche Berufe.
Es sind solche kleinen Informationen am Rand, welche die Welt des Porzellans aus Stollen und Städten auch für Laien auferstehen lassen. Wie schon in de Waals Roman, für den eine Sammlung kostbarer, japanischer Miniaturanhänger, sogenannter „Netsuke“, Impulsgeber war, werden auch hier Objekte zu Geheimnisträgern. Der Autor als Entdecker – das ist eine gewinnbringende Erzählperspektive. Edmund de Waal doziert nicht, sondern gibt einem die Stücke in die Hand und lässt fühlen; zum Beispiel die übermässige Bauchung eines alten Porzellangefässes. Dahinter verstecken sich Geschichten, die das Verlorene bergen. Das Pathos, das manchmal mitschwingt, ist da genau richtig am Platz.

 

erschienen in der NZZ am Sonntag, 2016

Okt 30 16

Amélie Nothomb: Die Kunst, Champagner zu trinken

Claus Brunsmann

Alkohol kann schon mal die Sinne vernebeln. Aber einen Orgasmus auslösen? Das zumindest samt Halluzination suggeriert die belgische Schriftstellerin Amélie Nothomb in ihrem neuen Roman „Die Kunst, Champagner zu trinken“. Rausch war ja mal eine antike Praxis, elitär und zu unrecht vulgär in Verruf geraten. Auf der Suche nach einer Saufkumpanin, welche die Vorliebe für das alle Sinne hochfahrende Elixier teilt, gerät Amélie Nothomb, die sich selbst auftreten lässt, an die viel jüngere Schriftstellerin Pétronille. Die erweist sich – beschäftigt mit einer Doktorarbeit über Shakespeares Zeitgenossen – überdies als belebende Gesprächspartnerin. Man trifft sich in unregelmäßigen Abständen, sogar mal zum Skifahren, das perlende Getränk immer griffbereit, akrobatisch balanciert und getrunken während der Abfahrt (Pétronille), worüber die Amélie Nothomb im Roman nicht schlecht staunt. Diese Szene ist nur eine unter den witzigen Begegnungen und Dialogen. Sie inhaliert bereits das tollkühne Gift, das Nothombs Roman aus der Leichtigkeit des rein unterhaltsamen Lesens in die puderige Wirklichkeit handfester Identitätskrisen und Konkurrenzkämpfe hebt. Gut, dass es in solchen Fällen Freundschaften wie die hier geschilderte gibt: distanziert, weil man nicht alles voneinander weiß und Gejammer über enttäuschte Lieben etwa gänzlich ausgespart ist; dabei aber doch von einer seltenen Intimität, wie sie manchmal auf Pflegestationen zu finden ist. Pétronille, ein linkspolitisch engagiertes Kind kommunistischer Eltern, setzt sich schon mal zum Pinkeln zwischen Autos, von Amélie geschützt, die so was nicht kennt, weil vornehmer aufgewachsen. Bald mag sie auf die neue Freundin nicht mehr verzichten. Aber die geht eigene Wege, sogar für Monate in die Sahara. Die erfolgreiche Ältere soll derweil ihr Netzwerk bemühen und Pétronilles‘ Meisterwerk zur Veröffentlichung bringen. Erfolg scheint der jederzeit frech auf Augenhöhe konternden Intellektuellen aus der Pariser Banlieue schnurzegal; wie ihr überhaupt Etikette erfrischend wenig gilt. Spätestens hier erweist sich dieser schmale, feine Roman als Feier der Kontraste und der Leidenschaft an sich. Jenseits rauschhaft erlebter Beziehungen aller Art ragt er wie eine sprudelnde Säule heraus und erzählt von Lust und Leid der Abhängigkeit im Allgemeinen. Er tut das auf solch charmant-nebensächliche Weise, dass man sich gefahrlos darauf einlassen kann – um am Ende erstaunt festzustellen, wie tief man hineingeraten war.

 

Amélie Nothomb: Die Kunst, Champagner zu trinken. Diogenes Verlag, Zürich 2016. 144 Seiten, 20 €.

erschienen in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG, 2016

Jun 30 15

Zeruya Shalev: Schmerz

Claus Brunsmann

Seit ihrem ersten Roman „Liebesleben“ (2000) gilt die israelische Schriftstellerin Zeruya Shalev als Spezialistin für die ambivalente Abhängigkeit, die Gefühle und Triebe verursachen können. Die Geschichte über eine junge Frau, die sich fast devot einem älteren Mann hingibt und in der Beziehung verliert, ist in eben jenem manischen Gedankenrausch verfasst, der weitere Romane prägte – jetzt auch den neuen Roman „Schmerz“. Ein punktarmer, geschmeidiger, fließender Stil, der verstört, ärgert, fasziniert – aber selten kalt lässt. Die Erzählstimme ist diesmal ganz bei Iris, einer verheirateten Frau, erfolgreiche Schuldirektorin und Mutter zweier schon fast erwachsener Kinder. Omer, der jüngere, fröhlichere, geht noch zur Schule. Alma, die ältere, verschlossenere Tochter, ist gerade ausgezogen. Zum Ehemann Micki gibt es kaum mehr zärtlichen Kontakt. Die Familie hat sich verändert, seitdem Iris vor zehn Jahren bei einem Terroranschlag verletzt wurde.

Die Vergangenheit rauscht in diese bald atemlos gelebte Gegenwart mit schweren Brocken ungelöster Schuld; eine Lawine, die in Fahrt gerät, als Iris ihre alte Liebe Eikan wiedertrifft: Er ist ihr neuer Therapeut, eine Koryphäe auf dem Gebiet Schmerz. Von ihm gerettet zu werden, liegt so nah wie in einem Arztroman. Und tatsächlich hat auch Eikan eigentlich Iris immer geliebt, obwohl er den Schlussstrich zog. Eine neue Chance? Sie speichert ihn im Handy unter dem Stichwort „Schmerz“ ab, in der vagen Hoffnung, dass der, welcher Schmerz in der Liebe säte, ihn auch wieder wegzaubern kann. Unter hohem Grippefieber wachsen die „Ehebruchsbazillen“ ungehemmt und choreografieren im Erostakt die erste Romanhälfte. Doch Iris befindet sich mit ihrer geheim gehaltenen Affäre nicht nur auf einem Selbstverwirklichungstrip, sondern auf einer erschütternden Reise in die Vergangenheit: Damals war sie die unterstützende Freundin an Eikans Seite, als dessen Mutter starb. Weil Eikan die dunkle Zeit mit Iris verband, beendete er anschließend die Beziehung, „wie man vor dem Todesengel flieht“. Lässt sich darauf aufbauen?

Die dramatische Zuspitzung und Zusammenführung dieser Erzählstränge ist einer der vielen Gründe dafür, dass man den Roman nicht mehr aus der Hand legen kann. Mit zügellosen Assoziations- und Interpretationsketten wühlt er sich aus Iris‘ marterndem Gedankenkarussel heraus und stellt dabei die großen Lebensfragen. Was steht ihr zu – als Frau, als Mutter, als Mensch? Worauf soll sie verzichten, für was büßen? Oder einfach greifen nach dem zentralen Baustein, nach Eikan, um den sich ein neues Lebensgerüst aufbauen ließe? Denn vielleicht war ihr Leben mit Micki von Anfang an falsch.

Die religionsgeschichtliche Dimension dieser schicksalsträchtigen und eben deshalb völlig unkitschigen Beziehungsverschiebungen ist immens. Tora- und Bibelkundig, würde man einige Leitmotive entschlüsseln können. Zeruya Shalev, 1959 in einem Kibbuz am See Genezareth geboren und studierte Bibelwissenschaftlerin, bespielt uralte Themen in diesem großen Roman, an dem sie vier Jahre arbeitete. Wie ein schwerer Bass zieht sich beispielsweise das Motiv der Opferung durch diese Geschichte. Während die Mutter sich leidenschaftlich freiliebt, öffnet sich der Blick immer mal kurz auf die Tochter Alma. Sie scheint in der Stadt, wo sie wohnt, nicht in guter Gesellschaft, vielleicht gar in den Fängen einer Sekte. Die Gewalt hat sich bis in die Beziehungen hineingeschlichen. Sie ist lesbar als Echo auf das Land Israel, auch als Echo sicherlich der eigenen Erfahrung, die Zeruya Shalev im Januar 2004 machen musste, als sie selbst Opfer eines Attentats wurde. Die Gewalt bleibt aber auch erkennbar als grundsätzliches Nebenprodukt ernsthaft gelebter Beziehungen: Wo zu viel Nähe ist, keimt sie lautlos heran. Doch wie Iris, diese suchende, ruhelose Frau, ist auch Alma blind für das ihr zugefügte Leid. Mutter und Tochter, obwohl so verschieden, scheinen einander spiegelbildlich gebaut.

Wie eine Künstlerin übersetzt Shalev diese von allen Seiten sich heranschiebende Düsternis mit großer Weitsicht in kleinste, unscheinbare Handlungen. Eine der wichtigsten Szenen und der erste Streit zwischen Eikan und Iris handelt vom Essen. Iris ist Vegetarierin. Eikan schiebt ihr dennoch per Kuss ein Fleischstück in den Mund, an dem sie würgt, obwohl sie zuvor noch in Erinnerungen schwelgte, wie sie ihre Tochter Alma als Baby fütterte. Das Nährende und Vernichtende, Liebe und Tod, Zärtlichkeit und Übergriffe sind jederzeit als Gegensatzpaare greifbar. In welche Richtung es jeweils kippt, macht die Grundspannung des Romans aus. Und man kann am Ende lange darüber diskutieren, ob hier ein biblisches Drama entfaltet wird oder doch eher eine Bilanz. Weder die eine noch die andere Lesart minderte die obsessive Wucht, mit der hier Themen und Fäden feinst gesponnen und auserzählt werden. Während immer fast zu spät rettende Maßnahmen erdacht werden, lässt sich die Herkunft des Leids bis zu den Wurzeln zurückverfolgen, so, als läge ein großer Fluch auf dem Land, das auch Töchter wie Alma zur Armee schickt. Verlor sie dort ihren Sinn für Freiheit? Entlastend wirken Spekulationen dieser Art immer nur für kurze Zeit. Dann nagt wieder das eigene Gewissen. Und es ist schließlich niemand anderes als Omer, der Sohn, auf den die Armee noch wartet, der klare, deutliche Sätze ohne Wenn und Aber sagt; Erkenntnisse wie von weit her: „Unsere Familie löst sich auf, oder?“.

In einem Interview erklärte die Autorin, warum in ihren Romanen kein Glück von Dauer ist. „Glück ist für Kinder. Erwachsene können nicht wirklich glücklich sein. Sie können für Momente glücklich sein.“ Die Abgründe, die sich danach eröffnen, sind maßlos und tief. Doch wo Gefahr ist, wächst das Rettende bekanntlich auch. Je nachdem, wie man es schließlich definiert. Die vielen Fragen und möglichen Antworten machen diesen neuen Roman Zeruya Shalevs zu einem großen, emotionalen Abenteuer.

Zeruya Shalev: Schmerz. Roman. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Berlin Verlag, Berlin 2015, 320 Seiten, 24 Euro.

erschienen in der STUTTGARTER ZEITUNG, 2015

Jun 30 15

Pierre Bost: Bankrott

Claus Brunsmann

Gute Unternehmerromane zeichnen sich dadurch aus, dass sie beides tun: die Strukturen der Machtapparate ausleuchten; und Charakterstudien liefern. Der französische Autor Pierre Bost (1901-1975), in den zwanziger bis vierziger Jahren äußerst erfolgreicher Autor und Journalist und glücklicherweise gerade wiederzuentdecken, verzaubert überdies noch mit seiner Sprache. Sie klingt auch in der deutschen Übertragung von Rainer Moritz prächtig – nach „Ein Sonntag auf dem Lande“ jetzt in dem Roman „Bankrott“, der 1928 erstmals erschien. Erzählt wird vom Leben des Zuckerfabrikanten Brugnon, ein linkischer, cholerischer 45-Jähriger mit allerlei Marotten und einer ausgesprochenen Neigung zur Grübelei. Oft mit scharfzüngiger Prägnanz und Komik von außen geschildert, lässt er sich betrachten und als Teil eines Systems analysieren, das nur die Starken durchwinkt. Das, was wir heute Burnout nennen würden, zeichnet sich bereits auf der ersten Seite ab: „Der einzige Traum, den er sich eines Tages erfüllen wollte, bestand darin, jeden Morgen an die Arbeit zu gehen, sich eine Pause von einer Stunde zu gönnen, danach weiterzuarbeiten und schließlich sehr spät am Abend damit aufzuhören.“ Zunächst läuft es gut für ihn. Er genießt die Macht und Sitzungen, in denen er die Macht spürt: „Er fühlte sie ganz genau, so wie man seinen Brustkorb spürt, wenn man seine Weste zuknöpft.“ Doch die Liebe verwirrt bald schon seinen klaren Blick. Er verpasst Termine, wird fahrig und zunehmend Opfer seiner Gefühlswelt. So ist es nur eine Frage der Zeit, bis alles in düsterster Apokalypsenstimmung endet. In den Worten Pierre Bosts: „Und der Fluss trieb wie ein Ertrunkener langsam auf ein grauenerregendes Meer zu.“ Anziehend ist diese Prosa, weil sie die emsige Betriebsamkeit einer typischen Arbeitswelt der zwanziger Jahre einfängt, die nicht zuletzt einen neuen Frauentypus hervorgebracht hat – hier verkörpert durch Simone. Brugnon darf sie wohl ins Theater begleiten, mehr aber nicht. Das neue Selbstbewusstsein schlägt ihm hart entgegen. Zugleich wirkt der Roman in seiner expressiven Sprache und den vielen Überforderungsszenen überraschend modern, was ihn zu einer ausgesprochen heutigen Lektüre macht.

Pierre Bost: Bankrott. (Original: Faillite) Roman. Aus dem Französischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Rainer Moritz. Dörlemann Verlag, Berlin 2015. 260 Seiten, 19,90 €.

erschienen in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG, 2015

Jul 30 14

Reportage: Yoga-Wohlfühlurlaub in der Casa el Morisco

Claus Brunsmann

„Weichei“. So das Urteil unserer 16jährigen Tochter. Ich habe ihr ein Foto von ihrem Vater geschickt, wie sie ihn noch nicht kennt: im Lotussitz, die Hände locker auf den Knien, die Handflächen nach oben geöffnet. Die Augen geschlossen, lächelnd. Eine friedliche Szene. Er sitzt auf einem kleinen Kissen in einem achteckigen Tempel, vor ihm ein Teich. Die Kois darin kann man auf dem Foto nicht sehen, aber sie sind zu vermuten. Eine Katze schleicht um uns herum, es duftet süßlich, hinter uns wächst ein märchenhaft fremder Baum, Frangipani, wie ein Etikett verrät, mit fleischigen, glatten Greifästen, die senkrecht aufgestellt sind, die Blüten sind schon zu erkennen, aber noch versenkt in kleinen Mulden an den Astspitzen. Spanien, Benajarafe, was „Sohn des Edlen“ bedeutet, 20 Kilometer östlich von Málaga, Andalusien. Unser erster Tag in der Casa el Morisco, die wir in acht Tagen ganz gegen unseren sonstigen Besichtigungswahn kaum verlassen werden, nur einmal für eine Küstenwanderung, die ein drahtiger 88-Jähriger führt, von dem noch die Rede sein wird. Die Szene fürs Foto ist gestellt, reine Provokation. Mein Mann hat weder Yoga- noch Meditiererfahrung, ich von beidem ein wenig. Ich falle hier nicht auf, eine von etwa 36 Frauen, die in dieser Osterwoche Urlaub im Paradies machen. Der Exot ist – mit drei anderen seiner Spezies – mein Mann. Jeder, der ihn begrüßt, betont sein Mann-Sein und entschuldigt sich danach sofort. Natürlich gilt hier Gleichbehandlung. Aber man freut sich eben doch über Mann. Unsere Heidi-Klum-sozialisierte Tochter hätte ihn lieber im Fitnessstudio gesehen, wenigstens auf dem Crosstrainier, Schwergewichte müssen nicht sein. Aber Yoga?

Der Grund dafür heißt Hie Kim. Wir hatten ihn bei Indigo entdeckt, einem Veranstalter „mit besonderen Reisen für besondere Menschen“, „die sich intensiver spüren möchten“ und „lieber eigenverantwortlich als fremdbestimmt“ leben. Ich googlete eigentlich nur so herum, aber mein Mann klickte das Video an, das Hie Kim als akrobatischen Athleten zeigt – auf, neben und über seiner Yogamatte schwebend, die er mitten in Frankfurt, wo er Yogalehrer ist, vor der Uni ausgerollt hat, um auch diese Klientel anzusprechen, wie er später verrät. Hinter ihm laufen Menschen gehetzt zur Arbeit. Die wenigsten bemerken ihn. Er steht für Sekunden kühn und leicht auf einer Hand, konzentriert, das Bein gestreckt, dann biegt er sich in eine neue Haltung, alles an ihm fließt, und so heißt diese Choreographie auch, „Flow“, wie wir diese Woche von ihm erfahren. „Da will ich hin“, sagt mein Mann, und ich ergreife die Chance, obwohl mich die Performance eher verschreckt.

Die Mittagsblumen schließen sich, das Abendessen, vegetarisch, schmeckt wunderbar. Man kann das Meer sehen, oder in die Küche hineinhören, wo die spanischen Köchinnen bei der Arbeit selbstvergessen singen, zum Radio, das ständig „Macarena“ bringt. Die Anlage geht über drei Terrassen, und manchmal sehen wir Wilfried, den Gründer, der 1993 hier Land kaufte und Gebäude zu den bereits bestehenden dazubaute. „Wir gehören keinem Glauben an, alles ist Leben“, heißt es bei der Begrüßungsrunde in der großen Yogahalle, die noch zwei kleinere Schwesternhallen hat, alle mit dem Schriftzeichen für „om“ versehen. Wir haben sie nicht gezählt, die Buddhas, die überall stehen, versteckt in Nischen oder selbstbewusst präsent, groß und winzig, mit Teelichtern, die abends eine freundliche, stille Kharma-Yogini angezündet hat, die hier Dienst versieht gegen Kost und Logis. Bei jedem Gang entdecken wir etwas Neues. Ein Herz, aus Kieselsteinen gelegt. Eine Schale mit Blüten. Eine Glaskugel, aus der ein Kopf lächelt. Klangrohre in einem Wurzelbaum. Die abgerundeten Steinbänke zieren farbenfrohe Mosaike. Überall laden Liegen oder Hängematten zum Verweilen ein. Wer Lust hat, springt eine Runde Riesentrampolin und danach ins Pool. Zur Dämmerung, wenn die Vögel im Chor singen, als hätten sie sich verabredet, öffnen sich die Pflanzen für eine weitere exzessive Riechrunde. Der Sinnesgarten, erzählt eine Infotafel, ist das Resultat Vieler, die sich mit Ritualen einstimmten, bevor sie ihn planten und verwirklichten. Nachts hört man manchmal mechanisch in regelmäßigem Intervall einen Laut. Ich halte ihn für eine Maschine. Aber es ist das vermutlich einzige zwangsneurotische Wesen hier weit und breit, ein Wiedehopf in der Balz, so Gerhard, der 88-Jährige, von dem noch die Rede sein wird.

Hie Kim ist ein Glücksgriff. Mit jugendlichem Charme und respektvollem Witz treibt er seine kleine Schar – wir sind acht – aus der Komfortzone heraus. Ich kenne Yoga anders und bin darauf gefasst, gefühlte fünf Minuten in das rechte Bein hineinzumeditieren, bevor ich es heben darf, um es dann lange zu halten. Nach dem Absetzen spüre ich normalerweise lange nach: Was hat diese Übung wohl mit mir gemacht? Wie mich verändert? Bei Hie komme ich gar nicht zum Grübeln, und das erweist sich als völlig neue Yoga-Erfahrung. Ich komme nicht mal dazu, mich über den Ehrgeiz meines Mannes lustig zu machen, den Hie ständig bewundern soll. Am dritten Tag ist der „herabschauende Hund“, eine Übung, die uns vorher den Schweiß auf die Stirne trieb, Entspannung pur, nur eine Zwischenstation vor weiteren freiwilligen Selbstquäleinheiten, deren Effekt jedesmal sofort spürbar ist, als, sagen wir, eine Art fröhliche Gestimmtheit. Am fünften Tag will ich den „Flow“, den Hie uns beigebracht hat, in ein tägliches Übungsprogramm zu Hause einbauen, wie Essen und Trinken, in Stille oder zu dem Lied „You Make It Real“ von James Morrison. „Mir“, sagt Hie Kim dazu, „macht das Lied Mut. Du kannst alles schaffen. Wenn du willst.“ Nichts wirkt auswendig gelernt, alles wird begründet, falls man nachfragt. Vieles hält er auch zurück, zum Glück. Dass er sich bei uns dafür bedankt, dass wir ihm vertrauen und er uns etwas beibringen darf, habe ich noch nirgendwo zuvor erlebt.

„Yoga als Spiegel deines Lebens“ heißt das Seminar, zwei Stunden morgens ab acht Uhr vor dem Frühstück, zwei Stunden am späten Nachmittag. Jede Einheit ist anders. Die „Asanas“ genannten Haltungen tragen einprägsame Namen, Kind, Kobra, Hund, Krieger, Taube, Tänzer. Hie drückt mal Schultern in die richtige Position oder verstärkt sachte eine Dehnung. Wir lachen viel, vielleicht aus purer Erschöpfung, oder weil Hie sagt, wir sollen uns vorstellen, wir wären Glühwürmchen, denen nichts wichtiger ist, als den Po mit vorbildlicher Pospannung gen Himmel zu strecken. Klingt albern, aber hilft. Hie Kim achtet sehr genau auf Details. Freundlich klopft er unsere Schultern, wenn es nicht mehr geht und wir eine Pause einlegen. Oder er sagt erstaunliche Sätze in die meditative Anfangs- und Endsequenz. „Du bist alleine in deinem Kopf. Allein ist etwas anderes als einsam. Du kannst froh sein, dass du alleine in deinem Kopf bist.“ Eine Teilnehmerin sagt: „Der hat ein altes Wissen.“

Hie Kim, 28, hat koreanische Wurzeln. Er ist in Hamburg aufgewachsen und unterrichtet seit fünf Jahren Yoga, vor allem den Inside-Stil des Frankfurter Studios gleichen Namens, wo er in einem großen Team arbeitet. Er hat Sport studiert, ist Träger des zweiten Dan im Taekwondo und Mitglied des Taepoong Demoteams. Auch da hat er schon immer gerne Anderen etwas beigebracht. Spielerisch, mit einer blitzenden Freude, die sich überträgt.

In der verbleibenden Zeit unseres „Wohlfühl-Yoga-Urlaubs“ pflegen wir den wohligen Muskelkater und helfen uns gegenseitig in neu gelernte Verdrehungen. Wie fordert man sich, ohne sich zu überfordern? Abendliche Tiefenentspannung nach Eckhart Tolle, angeboten von Marc, tut da gut. Zumindest meinem Mann, der behauptet, als Vogel durch den Raum geflogen zu sein. Danach war er eine Röhre, schließlich ein Schlauchboot. Ich fror. Ab 23 Uhr wird es ruhig in der Casa. Die Weintrink-Fraktion hält noch etwas länger durch, aber gut abgeschottet. Wer kein Seminar gebucht hat wie wir, nutzt das hauseigene tägliche Yogaangebot nebst besonderer Abende wie Mantren singen oder Trommeln. Extra-Wohlfühlen kostet extra. Im Angebot sind Ausflüge zu schönen Orten oder Märkten. Für Massagen verschwindet man zur verabredeten Zeit in eigens dafür freigehaltenen Zimmern namens „Imara“ und „Mudata“, vor denen eine der acht hier lebenden Katzen gerade genüsslich einen Buckel macht, ganz ohne Anleitung. Die hat Yoga im Blut. Bald entdecke ich auch Yogamücken, wie machen die das, so langsam gleiten? Und fällt nicht eines der Blätter der japanischen Mispel, die Früchte wie Mirabellen trägt, herab wie mein wackelnder Arm, wenn er „Krieger 3“ auf einem Bein versucht? Manchmal tropft der Baum. Herbst kennt er nicht. Vermutlich verjüngt er sich sekundlich, wie meine Körperzellen, die ich jetzt miteinander ins Gespräch gebracht habe. Sie können gar nicht mehr still sein.

„Manchmal kommst du nicht weiter, weil Vergangenes an dir klebt. Ein Wunsch-Ich, dass du gerne wärest.“ Hie Kim lässt kleine Pausen zwischen den Wörtern. Sie fallen hinter unsere geschlossenen Augenlider, bevor wir sie öffnen und Übungen zur Beckenöffnung machen. Der Körper lernt jetzt ohne Einflüsterung, aber trotzdem scheint beides miteinander zu tun zu haben, es gibt eine Verbindung zum Geist, aber ich muss sie nicht analysieren. Wie schön. Wo nehme ich die Kraft für den Handstand her, in den mich Hie hineinüberrascht?

Alt werden wie Gerhard, der 88-Jährige, von dem jetzt endlich die Rede sein soll. Gegen Ende der Woche führt er uns einen traumhaften Küstenpfad hoch überm Meer entlang. Es duftet nach Rosmarin. Am alten Wachturm machen wir kurz Pause, und Gerhard erzählt, wie im Mittelalter hier Piraten angriffen. Vor vier Jahren hat Gerhard in der Casa noch eine Ausbildung zum Yogalehrer gemacht. Er wirkt bodenfest, im doppelten Sinn, wenn er beim Wandern wie eine Gemse Tritt fasst, und in dem, was er sagt. Es ist die wertschätzende Haltung allem gegenüber, die einen für ihn einnimmt. Und – Achtung, jetzt kommen große Worte – Demut und Präsenz. Wir entdecken tatsächlich Gemsen. Eine ganze Familie. Sie wechseln gerade ihre Farbe.

 

erschienen im Reiseteil der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG,  Januar 2014

Apr 30 13

Connie Palmen: Logbuch eines unbarmherzigen Todes

Claus Brunsmann

Connie Palmen beginnt 48 Tage nach dem Tod Hans von Mierlos mit ersten Notizen. „Ich wollte einen Roman schreiben, der den Titel Judas tragen sollte – und da starb mein Mann.“ Elf Jahre Leben teilte sie mit dem in den Niederlanden prominenten und beliebten Politiker. Ein paar Monate zuvor heiratete das Paar. Kann man als Außenstehender Zugang finden zur Trauer? Darf man? Wie schreibt man darüber?

Connie Palmen muss es zum zweiten Mal tun. „I.M.“ (1998) schrieb sie nach dem plötzlichen Tod des Journalisten und Talkmasters Ischa Meijer, mit dem sie vier Jahre zusammen war. Ein Buch des Schmerzes, fast ein Liebesroman. So intim manchmal, dass man sich nicht traute, mitzulesen. Jetzt ist das anders, obwohl Connie Palmen auch diesmal ihrer entwaffnend genauen Poetik vertraut. Sie schaut hin. Sie entblößt sich und ihre Hilflosigkeit, ihre Ausflüchte ins Trinken, ihr Verschwinden hinter dem Styx. Abends kochen Freunde mit ihr, morgens zwingt sie sich zur Zeitungslektüre, Rituale geben Struktur in diesem „Meer aus Zeit“. Sie entdeckt, dass sie den Geruch nicht mehr erinnert. Im Auto herumgefahren zu werden beruhigt. Das Leiden sieht sie als Tribut für diese Liebe, dieses Glück. Wenn nachts ein Gewitterschlag kommt und niemand da ist zum Anklammern, ist sie tapferer als sonst. Ungerufen ist die Erinnerung immer schon da. „‚Das ist großes Wetter‘, sagt er beruhigend, mit einer Stimmer, in der noch etwas Nacht klingt.“ Sie vergleicht den einen mit dem anderen Tod, den brüsken von „I.M.“, der „eine monatelang anhaltende Erschütterung“ auslöst, und den Tod nach langer Krankheit, wo „die Trauer im Leben“ einsetzt. Sie erwacht anders als beim ersten Tod.

Und doch ist „Logbuch eines unbarmherzigen Jahres“ anders als „I.M.“. Es ist kein vom Schmerz gezeichneter Liebesroman, keine Litanei, auch kein Denkmal für Hans von Mierlo, die öffentliche Person. Palmens Buch drängt sich nicht auf, obwohl es so viel Gefühl enthält. Es nimmt sich aber auch nicht zurück, sondern rückt einen auf den Leib, gerade so nah, wie jeder es für sich verkraften mag. Es wird in seinem Protokollton, in seinen wie Fallbeile in diesem unbarmherzigen Jahr hereinbrechenden Todesnachrichten, zur „Chronik der Trauer“, die zugleich auf eine seltsame Art eine Chronik des Lebens ist.

Kurz nach Hans von Mierlo stirbt dessen Schwester. Dann Palmens Graphiker. Der Autor Harry Mulisch. Anna Keel, die Frau des Diogenes-Verlegers Daniel Keel, und ein Jahr darauf dieser selbst. Auch eine Großtante. „Wir stehen alle an, Kind“, sagt Connie Palmens Mutter, als sie die Nachricht überbringt. Es stirbt auch Marie, die Tochter Hans von Mierlos, ein Jahr nach dem Vater, mit 45 Jahren. Zu ihr hat Connie Palmen eine enge Beziehung, auch der Leser, der sie durch dieses Buch noch begleitet. Dieser Tod wiegt am schwersten, falls das messbar ist.

Die Momentaufnahmen, die Connie Palmen in diesem unglaublichen Trauermarsch zusammenträgt, verändern sich ständig. Schonungslos tastet sie dieses Jahr ab; seine Gegenwart, in der es keinen Halt gibt; seine Vergangenheit, die immer wieder hineinstrahlt wie aus einer anderen Zeit – durch Einschübe von älteren Einträgen und Reflexionen über den Tod; auch Hans von Mierlo, der anders wahrnahm durch Tagebuchschreiben, kommt zu Wort. Man muss schon auf die Jahreszahl achten, um die so gegenwärtig klingenden Passagen von der Tagesnotiz scheiden zu können. Hinter der persönlichen Verlusterfahrung macht Connie Palmen das Erleben Anderer sichtbar. Das sind viele Gründe, warum ihr Buch eines für viele werden kann, warum es sogar ein seltsam befreiendes Buch ist. Connie Palmen war schon immer eine ausgesucht Lesende, die einen an ihren Funden teilhaben lässt. Auch jetzt prüft sie Texte, die das Ungreifbare in eine Form bringen. In der Literatur bilden sie längst eine eigene Textfamilie: Roland Barthes „Tagebuch der Trauer“ oder Anne Philipes „Nur einen Seufzer lang“. P.F. Thomése schreibt in „Schattenkind“: „Es gibt nur noch Wörter, die mit Un- und Ent- anfangen, also Wörter, die sich von etwas zu lösen, die etwas nicht zu sagen versuchen.“ Joyce Carol Oates schreibt, sie halte sich aufrecht als „öffentliche Person“, als „Kunstfigur“, die der Beruf ihr beschert. Immer die gleiche Geschichte, immer anders erzählt. Connie Palmen war auf der Suche nach einem Klagelied, aber „man braucht fast biblische Wörter, um das zu beschreiben“, so weit weg ist diese Möglichkeit des Ausdrucks, des Lamentierens, sagt sie in einem Interview. In welcher Form? Dem Tagebuch misstraut sie. Die Vorstellung von einem Logbuch ist ihr lieber. Ein Logbuch verpflichtet zum Schreiben, denn es kann als Beweismittel wichtig sein. Man tut etwas, man tut nicht nichts, und man tut es unter dem Vorwand, es nicht zu veröffentlichen. Dass sie ihr Buch dabei aus der Form gehen lässt, es hierhin und dorthin wachsen lässt, ist notwendig. Connie Palmen nimmt die Trauer von allen Seiten in den Blick. Sie zeichnet auf, wie sie sich entwickelt, wiederholt, verändert; wie sie verschließt und vor allem öffnet. Ihr Sprechen über die Trauer ist eine Gratwanderung, die sich bedingungslos allem öffnet. Fast. Denn es heißt ja auch: „Ich weiß, das man mehr nicht aufschreibt.“ Dazwischen, dahinter ist Connie Palmens bewegender Bericht verortet.

 

Connie Palmen: Logbuch eines unbarmherzigen Jahres. Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers. (Original: 2011) Diogenes Verlag, Zürich 2013. 265 Seiten, 21,90 €.

erschienen in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG, 2013