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Mrz 30 13

Jonas Lüscher: Völlig pleite zwischen Kamelen

Claus Brunsmann

Kamele sind bemitleidenswerte Tiere. Kürzlich hatte es ein Kamel in die Schlagzeilen geschafft, als der französische Präsident François Hollande ein solches, als Gastgeschenk erhalten, wegen seiner vielen Termine nicht selbst betreuen konnte. Er parkte es deshalb bei einer Familie, die das Kamel schlachtete, was so nicht beabsichtigt war.

Kamele bebildern auch Jonas Lüschers hinreißend altmodisch erzählte Novelle Frühling der Barbaren. Man erwähnt sie beispielsweise als berberisches Hochzeitsmahl, gebraten, gefüllt und mit Couscous serviert. Das Kamel verbreitet Lokalkolorit, mehr nicht. Lüscher wollte ja keine Kamelstudie schreiben, sondern etwas über die Finanzkrise in Zeiten der Globalisierung mitteilen. Wie ist das, wenn sich ein Schweizer Unternehmer, der sich mehr für die Antike als für Maschinen interessiert, in Tunesien seinen Zuliefererbetrieb anschaut? Wenn er eben dort nur Kamele sieht?

Preising heißt der Unternehmensspross, der im Mittelpunkt des Geschehens steht. Er dürfte mittleren Alters sein und hat einfach Glück gehabt: Das ererbte, desolate Familienunternehmen machte ein guter Angestellter für ihn wieder flott, weshalb er als Inhaber einer weltweit agierenden BH-Bügelfabrik nun gut verdient, am Tag genauso viel, wie ein Kameltreiber in Tieren gerechnet sein Eigen nennt.

Als Preising auf seiner Reise einmal miterlebt, wie ein Reisebus in Kamele rast und die Existenz des Tunesiers zerstört, will er eigentlich Geld transferieren und helfen. Aber er denkt zu lange nach, und die Fahrt geht schon weiter: „In getrübter Stimmung ließ er sich von dem gestrandeten Reisebus, den toten Kamelen und ihrem unglücklichen Besitzer, dessen Schicksal ihn noch sehr bewegte, fortchauffieren. Bald aber tauchten die ausgedehnten Dattelplantagen der Oase Tschub vor ihm auf. Der Wüstenwind ließ die dunkelgrünen Wipfel erzittern, und aus der Ferne sah es aus, als kräuselten sich die Wellen auf der Oberfläche eines kühlen Sees.“

Das Geld sitzt locker

Preisings Erzählung über seinen Aufenthalt in Tunesien kommt in Fahrt, als er die hübsche, tunesische Geschäftsführerin erwähnt. Eigentlich hat sie keine Zeit für den Gast aus der Schweiz. Sie nimmt ihn deshalb mit in ein luxuriöses Wellness-Resort mitten in der Wüste. Saida, so heißt sie, muss hier zwischen Pool und Palmen eine Hochzeit organisieren, für junge, karrierebewusste, spaßbereite Banker, die eigens aus London angereist sind. Das Geld sitzt locker. Man geizt nicht, man zeigt schöne, unverschämt jugendliche Körper und ausgelassene Sorglosigkeit.

Niemand ahnt, dass jenseits der Wellness-Oase, weit weg in der britischen Großstadt, das bequem ererbte oder eisern verdiente, sich sodann jedenfalls wie von selbst vermehrende Geld gerade eine Talfahrt sondergleichen erlebt: England geht bankrott. Die Nachricht trifft die Hochzeitsgesellschaft noch vor dem Ringtausch. Prompt sind ihre Konten leer und aller Luxus gekappt. Frühling der Barbaren endet tatsächlich barbarisch. Mehr sei hier nicht verraten.

Preising ist ein wunderbarer Erzähler, der die Kunst der Abschweifung elegant beherrscht. Man möchte ihn schütteln, weil er nie handelt, weil er gar nicht handeln kann. Ständig wird er wieder weggezogen von den Orten, an denen es etwas zu tun gäbe. Und überhaupt begeistert er sich viel zu sehr für nebensächliche Details. Darüber offenbar lebensuntauglich geworden, hält er sich deshalb derzeit in einer Psychiatrie auf. Von seinem Erlebnis in Tunesien hat er sich aber noch nicht so ganz erholt. Oder ist es trotz der vielen Toten, die es am Ende gibt, längst Nebensache, beziehungsweise: nur eine schöne Erzählung?

Diese teilt er nun seinem neuen Bekannten mit, dem zweiten Ich-Erzähler, den Lüscher in seinem ausgeklügelten Gesellschaftspanoptikum installiert. Man spaziert zwischen den Mauern durch den Park. Man redet. Beziehungsweise: Preising redet. Der andere bremst und nordet ihn. Ein irres pas-de-deux ist das, wie es einst Thomas Bernhard in Gehen durchhielt. Genauso konsequent hält auch Jonas Lüscher die Form. Kleine Sticheleien hier, eine Andeutung dort. Was andere Autoren zu Romanen aufbauschen, sagt er in einem Absatz. „Doch in unserer Unfähigkeit, uns als Handelnde zu verstehen, waren wir uns gleich, Preising und ich. Ihm gelang es, diesen offensichtlichen Mangel als Tugend zu verstehen. Ich dagegen leide sehr darunter. Aber etwas daran zu ändern, hieße zu handeln.“ So knapp, so fokussiert kann man Depression und ihre unterschiedlichen Spielarten fassen.

Jonas Lüscher, 1976 in der Schweiz geboren, eigentlich reisefreudig, war selbst nie in Tunesien. Das ist auch egal, seine kluge, unterhaltsame Novelle, die auf engstem Raum das Scheitern des Geldkreislaufs beschreibt, hätte auch in jedem anderen künstlich erschaffenen Touristenort spielen können. Lüscher, ausgebildeter Lehrer, schreibt derzeit an seiner Doktorarbeit in Philosophie. Darüber, dass Erzählungen uns mehr sagen können als Computerprogramme.

Kinderarbeit kennt er

Sein eigenes Büchlein, sein erstes, ist dafür jedenfalls beispielhaft. Es ist überzeugend stringent gebaut und verrät viel über die Wirkmacht des Geldes auf den Charakter des Menschen und die Abhängigkeitsverhältnisse, in die er gerät. Preising, dieser ohnmächtig von den Ereignissen herumgestoßene Mann, überlebt in ummauerten, geschlossenen Orten.

Dass Lüscher seine Erzählerfiguren in der Beobachterrolle lässt, dass er sie strikt nicht handeln lässt, ist vielleicht die konsequenteste Art, die Krise in Literatur zu übersetzen. Preising ist freundlich und zugewandt, aber blind für die tunesischen Arbeitsbedingungen, für die undurchsichtigen Verschiebungen seines großen Geldes. Von Kinderarbeit hat er zwar schon gehört. Aber es wird ihm als „das kleinere Übel“ nahegebracht, weshalb er nicht weiter darüber nachdenkt. Wie gesagt: Kamele bannen ihn. Erst später die schuftenden Kinder. Da ist aber alles längst zu spät.

Romane über die Finanzkrise türmen sich zwar immer noch nicht. Aber man kann doch wählen. Da gibt es Rainald Goetz‘ Johann Holtrop, der gnadenlos zwischen Zahlen, Gehältern und unkontrollierbaren Unzufriedenheiten aller vom Geldrausch verdreckten Menschen hinabrauscht. Kristof Magnusson versuchte sich an einem jungen Helden in New York, der, weil es so verführerisch einfach ging, mal eben die Bank dort um Billionenbeträge erleichterte (Das war ich nicht, 2011). Nora Bossong studiert die Gesellschaft mit beschränkter Haftung (2012) aus dem Blick einer Unternehmerin. Und es fielen einem noch andere ein. So knapp, so schlicht, so betörend einfach wie Jonas Lüscher hat es bislang aber noch niemand auf den Punkt gebracht.

 

Erschienen auf ZEIT ONLINE, 14.05.2013

Apr 30 12

Patrick Roth: Sunrise. Das Buch Joseph

Claus Brunsmann

Auf den ersten Blick ist dieser Roman eine Zumutung. Entweder also, man flüchtet. Oder man duckt sich in diese Sprache hinein, schmeckt ihr nach, lässt sich öffnen und in Erwartung versetzen durch die Verzögerung, mit der hier allein durch das Zurückhalten des sinnstiftenden Wortes jeder Satz quasi erst im Rückwärtsgang verstanden werden kann. Patrick Roth liebt Platon, Pindar, die griechische Syntax, die einen warten lässt auf das Genitivattribut. Er schätzt das damit einhergehende Gefühl einer existentiellen Feierlichkeit, die Abgründe ausleuchtet. Und so ist das, was er jetzt selbst für sein Buch über Joseph, den Ziehvater Jesu, mit diesem hohen Ton, mit dieser biblischen Sprache und ihren psalmischen, wuchtigen, fleischigen Szenen anstellt, eigentlich gar nicht so überraschend. Hat man sich einmal darauf eingelassen, spürt man den radikalen Ernst, der den Stoff trägt. Die Lektüre fordert, überfordert, lässt rätseln und entschlüsseln und erneut rätseln und fesselt zunehmend, weil mit jedem errungenen Wissen in dieser metaphysisch organisierten Welt ein neuer, spitzer Splitter platziert wird, mit jeder Antwort eine neue, widerspenstige Disharmonie. Jedes Kapitel ist ein Gang durch Leben und Tod, mit Opferblut geschwärzt, mit Flügelschlag geweiht. Also: nur Mut zur Versenkung in diesen so anderen Erzählkosmos.

Patrick Roth, 1953 in Freiburg geboren und seit 1975 in Los Angeles lebend, Drehbuchschreiber, Autor von Prosa, Theaterstücken, Hörspielen, ist in der deutschsprachigen Literaturlandschaft ein Solitär. Seine Affinität zu religiösen Stoffen ist vielen der Leser, die etwa sein Buch über Charlie Chaplin liebten, eher suspekt. Nach der Christus-Trilogie „Riverside“ (1991), „Johnny Shines“ (1993), „Corpus Christi“ (1996), alles schmalere Bücher, macht er jetzt in seinem bisher längsten Roman „Sunrise. Das Buch Joseph“ eine biblische Randfigur zum Helden. Joseph kennt man ja eher als den Mann im Hintergrund. In der Heiligen Familie spielt er als Nährvater und Beschützer eine Rolle. An der Wiege darf er die Laterne halten. Klaglos verzichtet er nach Kenntnisnahme von Marias Schwangerschaft auf den männlichen Ehrenstandpunkt und die genealogische Fortsetzung seiner Linie. Was die Evangelisten übermitteln, sind seine Träume, kaum Fakten.

Hier setzt der an C.G. Jungs Lehre von der Archetypie alles Geträumten geschulte Patrick Roth an. Er zeigt einen hochmodernen Joseph, der nicht nur fähig ist, Träume zu empfangen und zu erinnern, sondern ihre krasse Bildsprache, ihren schier unmenschlichen Auftrag auszuhalten, sogar in eine Handlung zu überführen. Er hört dem 12jährigen Jesus geduldig zu, als dieser ihm nach der bekannten Szene im Tempel von einem Traum erzählt. Er hakt nach, spekuliert, lässt Raum. Was für ein zugewandter Vater! Maria steht in dieser Kleinfamilie eher am Rande. Das Reden und Zuhören ist nicht ihr Terrain.

Gerade die Rolle als ahnender Mensch wird für Joseph aber zur eigentlichen Zumutung. Sie fordert ihn als Empathiker, als Zweifelnden, der jede Nuance Angst bis ins Mark spürt. Der Vorgang des Deutens wächst zu einem komplexen Ungetüm mit tausend Köpfen und Stimmen heran. Und so wird der Roman schließlich zu einem Netzwerk aus Zeichen. Fundamentale Gegenstände, die eine ganz eigene Geschichte erzählen, wie das Seil oder das Tuch, spielen eine wichtige leitmotivische Rolle. Das eigentlich Faszinierende aber sind die Räume, die Patrick Roth hier baut und die wir mit Joseph durchtaumeln: brennende Häuser, würgend enge Felsspalten, schier unendliche Wüsten, eine vertrocknete Zisterne, aus der Ähren wachsen. Füchse erscheinen, schauen kurz auf und trollen sich wieder. Verbunden ist das mit einer sich stark vermittelnden, körperlichen Verfasstheit. Joseph muss sich im Traum krümmen, um am Boden liegende Scherben zu entziffern. Er kriecht, er verstummt, er erblindet. Und sehr oft trägt er schwere Lasten: einen verwundeten Sklaven, der eine wichtige Rolle spielen wird; Maria, für die er den geretteten Sklaven ablegen muss. Joseph ist beladen, an der Wende seines Lebens wie tot, am Ende dieser Odyssee aber leicht wie ein Engel.

Das ist zunächst einmal also eine vertraute biblische Konstellation: Joseph als der bloße Mensch, der Gottes Plan und seine Orakel zu durchschauen versucht. Und Gott, der diesen Menschen bis aufs Messer prüft – keiner kann vom Anderen lassen. Roth erzählt also Josephs Individuation unter einem die Transzendenz zulassenden Blickwinkel. Schon das gilt ja in der gegenwärtigen Literatur nicht gerade als Trend. Und natürlich denkt man an einen anderen großen Monolithen der Literaturgeschichte, Thomas Manns monumentalen Vierbänder „Joseph und seine Brüder“ über den anderen Joseph, den jüngsten Sohn Jaakobs. Motive überschneiden sich. Und auch Roths Komposition ist als großes Beziehungsgeflecht angelegt. Beide Werke sind als moderne Auslegung von Mythologie zu lesen und verlängern alttestamentarisches Material in die Zukunft. Während aber Thomas Manns Figur mehr Intellektueller ist, wirkt der Rothsche Joseph im innersten Kern zerrieben und durchkreuzt. Um diesen nackten Helden zu spiegeln und vorzuführen, schmückt Roth aus und erfindet. Er verdichtet, beraubt die Bibel, tauscht einfach Namen und bekannte Geschichten aus und lässt sie Joseph zustoßen. So soll er beispielsweise Jesus opfern – wie in der Bibel Abraham seinen Sohn Isaak. Nicht Wissen, sondern Erfahrung läutert hier. Ergibt das Sinn?

Roth, für sein filmisches Erzählen bekannt, mischt alles zu einer archaischen Abenteuergeschichte mit historischen Orten, mit Schnitten, Rückblenden und wechselnd scharfen Perspektiven auf das bisweilen sehr handfeste und blutige Geschehen. Es beginnt in Jerusalem 70 Jahre nach Christi Geburt. Die Stadt, von römischen Truppen belagert, ist im Ausnahmezustand, jeder seines Nächsten Feind. Hungernde klauben letzte Reste aus den Mündern Verstorbener. Tote säumen die Hänge des Kidrontals. Wir begleiten Männer, die sich in diese irdische Hölle eingeschleust haben, um das Grab Jesu‘ zu suchen und zu schützen. Stattdessen treffen sie auf Neith, eine alte Frau und Weberin. In der Mythologie wird sie mit der Jagd und Wasser in Verbindung gebracht; hier erlebt man sie als begnadete Erzählerin. Wie sie ihre Stimme erhebt, ist von einschüchternder Prägnanz, und was sie zu berichten hat über Joseph, ihren Herrn, ist so ganz anders als alles, was die historische Figur preisgibt.

Neith zufolge hatte Joseph vor Maria schon mal Frau und Sohn, gleichfalls mit Namen Jesus. Bei einem Sturm glitt der damals einjährige Jesus seinem Vater Joseph aus der Hand ins Wasser. Joseph taucht hinterher, und bereits hier beginnt Roths großer Bildersturm, seine steile Hinabfahrt in den Orkus. Im Grunde kennt dieses Buch zwei große Bewegungen: das Fallen und das Steigen. So teilt Roth auch seine Kapitel ein, in „Die Bücher des Abstiegs“ und „Die Bücher des Aufstiegs“. Die Symmetrie ist hier Prinzip. Außerdem die Wiederkehr. Alles muss zweimal erlebt und erfahren werden, als bildete sich Lebensweisheit überhaupt erst beim zweiten Versuch, mit dem Wissen der Möglichkeit des Scheiterns. Kleinste, intuitive Handlungen haben unermessliche Wirkungen. Übermenschliches wird mit Kleistscher Ohnmacht quittiert, Rollen werden umgeschrieben. Und auch die Ägypterin Neith, diese ewige Erzählerin, ist eine ganz Andere als die, für die man sie lange hält. Man muss das nicht alles unterstreichen bis in die letzte Konsequenz, die Joseph mit seinem Zugang zum Unbewussten und seinen Heilserfahrungen irgendwo zwischen Mensch und Gott verortet. Aber man kann sich schon dieser aufgeladenen Sprache ergeben, als Experiment.

Diese durchrhythmisierte Sprache ist vergleichbar den Psalmen, die bis heute irritieren und keinen Rost angesetzt haben. Man durchläuft Roths Roman wie ein verwildertes, verdörrendes Land, an dessen Oberfläche Schlachten wüten und in dessen Gräben sich Eingänge zu Höhlen befinden, die man nur mit Begleitschutz betreten mag. Mitten drin Joseph und seine Träume, Szenen wie aus uralten Märchen, die sich in dieses Leben eindrücken und Erhebungen hinterlassen: „Und wie Mehl und Brot riecht`s am Gewande des blinden Alten, als Joseph sich abwendet im Traum“. Da gibt es nahezu Heideggersche Sequenzen (er „sah sie anwesen, die Bilder“); Verben werden vorgezogen und gewinnen so an Kraft („denn es rieben rauh an der Haut ihm die Stricke“); Bedeutungen changieren, wenn nur ein Buchstabe ausgetauscht wird („aufgehoben, ausgehoben“); es gibt, wie in Psalmen auch, wunderbare, vergangene, aufgeladene Worte mit Klang („eine Tracht Holz“). Es scheint, selbst die Syntax hat eine Art Wissen und stellt viel zu früh Informationen bereit, die erst im Draufblick auf die Gesamtkomposition verlinkt werden können. Gehalten wird diese Komposition durch Roths beherzten Zugriff auf alles, was auch Filme spannend macht: Raubüberfälle, Gewaltszenen, das Zaudern und Verschmerzen davor und danach. Ein Angriff etwa liest sich dann so: „Aus der Hocke heraus springt er hoch. Und wild drängt nach hinten. Vorm Herankommenden weicht er, fällt auf den Boden, staucht blind, unterdrückt einen Schrei.“ Dann zieht es einen wieder weiter, mit Satzkaskaden, alle durch ein „und“ miteinander verknüpft, als wären Josephs Erlebnisse zugleich historisch und ewig, als müsste es immer so weitergehen im Zwischentraumreich. Ein Strudel, der hinabzieht und einen wieder an die ganz banale Oberfläche des Alltags heraufspült.

Was also macht Patrick Roth aus Joseph? Womöglich genau das, was Albrecht Koschorke in seinem klugen Buch über „Die Heilige Familie und ihre Folgen“ herausarbeitet. Dieser sieht Joseph an der Schnittstelle zwischen Judentum und Christentum: Mit ihm werde die irdische Reihenfolge gekappt und Raum geschaffen für himmlische Genealogien. Außerdem reiße eine bestimmte Form von Lesbarkeit ab „zugunsten der Auferstehung des Sinns. Von nun an werden zentrale Instanzen nur noch in der Form der Doppelung kulturell verfügbar sein: der Vater (Joseph/Gott); der Mann (leiblicher Ausschluss/himmlische Ergießung); der Phallus (als Samen-/als Wortkanal); der Ursprung (durch Blutsverwandtschaft/spirituell“). Bei Roth kommt das alles irgendwie vor. Es zu ergründen bleibt Aufgabe der Literaturwissenschaftler oder Theologen. Für normal sterbliche Leser tritt einem Joseph als der große Aushalter entgegen, dessen Leben mit der Verkündigung umgewälzt und durchwalkt wird. Das leuchtet ein und reißt mit.

 

Patrick Roth: Sunrise. Das Buch Joseph. Wallstein Verlag, Göttingen 2012. 510 Seiten, 24,90 €.

 

 

erschienen in der  FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG, 2012

Feb 2 12

Christine Lavant: Das Wechselbälgchen

Claus Brunsmann

Ein vor Jahren erschienenes Postkartenbuch zeigt die österreichische Schriftstellerin und Künstlerin Christine Lavant in verschiedenen Zusammenhängen. Man sieht die 1915 in Kärnten geborene Dichterin oft mit einem Kopftuch und tiefen Augenringen, die der mit ihr befreundete Künstler Werner Berg in einem Holzschnitt extra betonte, so dass Christine Lavant darauf fast so gespenstisch aussieht wie eine Figur von Edvard Munch. Am eindrucksvollstens aber ist eine Fotografie, auf der sie gar nicht zu sehen ist, nur ihr Schlaf- und Arbeitsraum im Hause der Freundin, bei der sie immer wieder wohnte, wenn sie nicht gerade im Krankenheim war. Man sieht ihr mit einer Wolldecke überworfenes Bett, auf dem Nachttisch eine große Packung der Zigarettenmarke, die sie rauchte, Bücher und eine einstielige Blume – und im Vordergrund eine große Schale, in der Strickzeug liegt. Wenn man weiß, dass Christine Lavant ihren Lebensunterhalt mit Stricken zu verdienen versuchte, erhält diese Strickarbeit im Zentrum des Bildes eine besondere Bedeutung. Und als sie dann mit Preisen gewürdigt wurde – unter anderem erhielt sie 1954 den Georg-Trakl-Preis und 1970 den Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur – war das Stricken gleichwohl Symbol für das eiserne Ringen einer Autorin, die immer wieder vergessen zu werden droht.

Bei Suhrkamp konnte man Christine Lavant, geborene Thonhauser, 1987 mit Gedichten entdecken. Thomas Bernhard zeichnete als Herausgeber, der schrieb: „Es ist das elementare Zeugnis eines von allen guten Geistern mißbrauchten Menschen als große Dichtung, die in der Welt noch nicht so, wie sie es verdient, bekannt ist.“ Er meinte wohl die Armut, auch ein Leben mit Krankheiten, welche die Autorin begleiteten – Skrofeln, Lungentuberkolose, eine Mittelohrentzündung, worunter sie fast erblindete und ertaubte. Er muss aber auch die eigenwillige Sprache im Blick gehabt haben, Zeilen wie diese: „Während ich, Betrübte, schreibe, / funkelt in der Vollmondscheibe / jenes Wort, das ich betrachte, / seit die Taube mich verlachte, / weil ich aus dem Wasserspiegel / ohne Namen, ohne Siegel / in die Einschicht trat. / Wäre nicht die Saat / der Betrachtung groß geworden, / müßt ich Mond und Taube morden, / die mich ständig überlisten / und in meinem Schlafbaum nisten, / der davon verdorrt.“

Der Salzburger Otto-Müller-Verlag brachte einiges heraus. Inzwischen kümmert sich der Göttinger Wallstein Verlag um den Nachlass der 1973 gestorbenen Autorin und startet mit einem ersten Band, der die Lyrikerin als kraftvolle Erzählerin entdecken lässt: „Das Wechselbälgchen“ muss um 1945 entstanden sein und wurde erst 1997 im Archiv entdeckt, 1998 erstpubliziert. Die Ausgabe ist seit längerem vergriffen. Nun gibt es eine kommentierte Neuausgabe der Erzählung: Eine archaische, aus dem kargen Kärnten herausgemeißelte Parabel über das traurige Schicksal von Zitha, einem geistig zurückgebliebenen Mädchen, das uneheliche Kind einer Bauernmagd, die im katholischen und abergläubischen Milieu nicht Fuß fassen kann.

Die Erzählung führt tief hinein ins abgeschottete Lavanttal, das im selbst gewählten „Decknamen“ der Autorin anklingt. Als eines von neun Kindern, von denen zwei früh starben, wuchs Christine Lavant hier auf, der Sonne wegen oft gelagert auf dem Fensterbrett, von wo sie alle Gespräche verfolgen konnte. Die Mutter war im Dorf eine Art „Beichtiger“, wie Lavant schreibt. Man lud alle Probleme bei ihr ab, und sie „verwandelte“ alles mit einer „strahlenden, fast übermütigen Demut“. Diese Erfahrung, außerdem das eigene Kranksein mögen Christine Lavant inspiriert haben, das ganz andere Schicksal der einäugigen Bauernmagd Wrga und ihres hinterm Ofen hausenden, abgeschobenen, schwachen Kindes literarisch zu formen. Es schlägt einem dunkel entgegen wie eine uralte Sage, mit stark überzeichnetem Personal, dem Knecht „von den gläsernen Grenzbergen“ aus dem slowenischen Teil Kärntens, der in fremder Sprache flucht und immer einen Abwehrspruch auf den Lippen hat; mit der Magd, die hellauf lacht, bis man ihre „Schelchzähne“ sehen kann. Lavant nutzt Dialekt ebenso wie fremdklingende Wörter, „Saukaschpel“ für Schweinetrank oder die „Truta-Mora“ für den weiblichen Druckgeist, der sich nachts auf die Brust der Schlafenden setzt und den Atem nimmt. Und so entsteht aus diesen Elementen eine magische, irrationale, dörfliche Kapsel mit eigenen, gnadenlosen Gesetzen. Man kann diese Erzählung, wie Klaus Amann im Nachwort schreibt, als „Parabel über die Besessenheit“, die Vernichtung ‚unwerten‘ Lebens im Nationalsozialismus, lesen. Sie wirkt zugleich zeitlos und rau, sehr direkt, stringent komponiert und entwickelt einen sonderbaren Sog.

 

Christine Lavant: Das Wechselbälgchen. Erzählung. Neu herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Klaus Amann. Wallstein Verlag, Göttingen 2012. 104 Seiten, 16,90 €.

 

erschienen in der  FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG, 2012

Jun 3 11

Paula Fox: Woraus wir gemacht sind, ist bloß geliehen

Claus Brunsmann

Ihre Erzählungen sind Forschungsreisen in den Kontinent menschlicher Schwächen, ihre Biographie ist ein ergreifendes Dokument von Verlust und Tapferkeit: Zwei neue Bücher spiegeln die Größe der amerikanischen Autorin Paula Fox.
Ein Mann erhält nach Jahren Kontaktstille einen Brief von einem ehemaligen Schulfreund. Er antwortet ihm. Und weil sich oft erst beim Briefeschreiben ein Abgrund öffnet, schildert er dem Freund nicht einfach nur seinen Tag, sondern auch die quälende Stille nach der Arbeit. „Dann lausche ich meinen eigenen kleinen Geräuschen. Ich spiele mit der Kappe meines Füllers, schließe eine Schublade, lasse eine Büroklammer fallen und hebe sie nicht wieder auf.“ Schon liegt er da, der unscheinbare Gegenstand, in dem sich die Melancholie dieser Prosa verfängt. Erst später fällt sie ei- nem wieder ein, diese auf den Boden gefallene Büroklammer.
Vergessen, verlassen, versetzt zu wer- den ist eine Grunderfahrung im Leben der heute achtundachtzigjährigen amerikanischen Schriftstellerin Paula Fox. Den ersten scharfen Schnitt machen die El- tern schon wenige Tage nach der Geburt. Sie geben ihre Tochter in ein Heim für Findelkinder. Die Mutter ist zwanzig. Der achtundzwanzig Jahre alte Vater, ein Cousin des Schauspielers Douglas Fairbanks, schreibt mit wenig Erfolg Drehbücher und Theaterstücke. Aus dem Nichts tauchen sie immer mal wieder bei der Tochter auf und verschwinden jäh; Lebemenschen mit wenig Geld, sprunghaft, angezogen von Hollywood und der Künstlerszene New Yorks. Mit sieben wohnt Paula mit der spanischen Großmutter in „schuh- schachtelgroßen“ Wohnungen. Als sie elf ist, holen die Eltern Paula zu sich, reisen aber bald wieder ab und lassen sie bei der Haushälterin. Mit fünfzehn – das Paar ist inzwischen getrennt – quartiert sie der Va- ter allein in einer Wohnung in New York ein. Es folgen Internat, wechselnde Orte und Bezugspersonen. Der Vater bleibt ihr als Regelbrecher mit Charme im Gedächtnis, die Mutter als harsch. Die Ablehnung, unterbrochen von halbherzigen Ver- suchen, die Tochter in den chaotischen Alltag zu integrieren, ist das offene Rätsel des Lebens der Paula Fox. Die Mutter nennt keinen Grund – außer diesen: Sie habe schon vorher öfters abgetrieben, die- se Schwangerschaft aber zu spät bemerkt. Sätze wie aus Albträumen, deren Inhalt man nicht klar zu sehen wagt.
Kalifornien, Kuba, Florida, Montréal sind nur einige Stationen dieser Odyssee. Beziehungen, die in Brüche gehen. Und eine frühe Schwangerschaft – Paula Fox gibt als sehr junge Mutter selbst ihre älteste Tochter zur Adoption frei. Es gibt aller- dings eine stete Zeit in diesem unruhigen Leben, ein Boden unter den Füßen, der für einige Jahre betretbar scheint: „Onkel Elwood“. Der Geistliche nimmt Paula mit fünf Monaten bei sich auf, liest ihr vor, gibt ihr Halt und Sprache – das „in allem Ernst gesprochene Wort“. Mit ihm lässt Paula Fox auch ihre Geschichten einer Jutentielle Schwere, die Paula Fox ihnen ein- gibt, wenn sie im richtigen Moment schließt, eine Büroklammer fallen lässt oder Dialoge und Gesten so arrangiert, dass man die große Störung hinter den vielen kleinen irritierenden Alltagshandlungen aufbrechen sieht – „das Sichtbare und das Unsichtbare“, wie Bernadette Conrad in ihrem Nachwort schreibt.
Die besten Erzählungen aber betonen den Rang dieser großen amerikanischen Autorin und ihres Werks. Sie verwandeln sich die Doppelbödigkeit eines Lebens an, das geprägt ist durch die Erwartung von Unsicherheit, durch die Erfahrung einer Logik wie in „Alice im Wunderland“: Wenn etwas fällt oder verschwindet, kann es an einem anderen Ort wiederauftauchen oder auch an zwei Orten zugleich sein – durch Erinnerungen, Phantasie, Bücher. Von dieser ver- wirrenden Sehnsucht und der Aufhebung der Schwerkraft handelt das Werk.
Schon in diesem Buch, 2003 auf Deutsch erschienen, war einem Paula Fox’ Lebensgeschichte nahe gerückt, weshalb eine reine Biographie wie ein Anhängsel gewirkt hätte. Die Literaturkritikerin Bernadette Conrad geht einen anderen Weg. Sie fügt nach vielen Besuchen und Reisen zu den Wohnorten eigene Facetten hinzu: „Die vielen Leben der Paula Fox“ ist das Ergebnis einer sehr persönlichen Spuren- suche und selbst poetisch. Keine trockene Fleißarbeit, der es um möglichst viele De- tails geht. 2005 begegnete sie erstmals dieser Frau mit schnellem Schritt, „leicht und entschlossen, immer irgendwohin unterwegs“. Sie nimmt die abgerissenen Lebensfäden vorsichtig in die Hand, zwirbelt sie zusammen und wieder auseinander, fragt und hinterfragt. Sie erwägt Erklärungen an jenen Stellen, die Paula Fox klug be- schwiegen oder gewandt fiktionalisiert hat. Conrad will gar nicht erst den Ein- druck erwecken, dies alles gehe sie nur et- was als ordnende Biographin an.
Die Einlassung ist ihr Gebot. Das ist natürlich in der Folge einer wilden Form aus Reportage, Zitat, Interpretation, Fakten, Selbstbildmontage heikel und nicht immer frei von Übermut und Grenzüberschreitung. Lässt man sich aber auf ihre Bedingungen ein, auf den Mut zum distanzge- schwächten, gleichwohl respektvollen Subtext zu diesen „vielen Leben“, ergibt sich eine Art Ordnung zweiten Grades: Die har- ten, emotionalen Risse dominieren und spiegeln sich in Gesprächen mit Paula Fox’ Kindern oder dem Autor Jonathan Franzen, der sich für ihr Werk einsetzte.
Sie werden aber auch an die Zeit angeschlossen. Mobilität und Amerika als Einwanderungsland etwa dienen Bernadette Conrad als Begriffskulisse zur Beschrei- bung allgemeiner Zustände, etwa der Weggabepraxis, die lange vor Paulas Ge- burt begann, als Findelkinder in New York noch „mit Sünde infiziert“ waren. Anders als elternlose Waisen, recherchiert sie, galten sie weniger als Opfer, vielmehr als „von Gott und der Welt ver- lassen“. Conrad geht dieser Scham nach und ergründet, was „die scharfe Klinge des Lebens“ zu tun hat mit der „scharfen Klinge, mit der diese Autorin ihr Material Sprache bearbeitet“.
Im Alter von vierzig Jahren begann Pau- la Fox zu schreiben. Sechs Romane, zwei autobiographische Bücher, dreiundzwan- zig Kinderbücher liegen inzwischen vor – jüngst erschien ein neuer Band mit Erzählungen und Vorträgen: „Die Zigarette und andere Stories“ enthält Geschichten, in denen die scharfen biographischen Schnitte einen Abdruck hinterlassen ha- ben. Die Angst vor Verlust sitzt den Figuren im Nacken. Und wenn sie doch ein- mal nach langen Schweigezeiten vorsichtig Kontakt aufnehmen, passiert das oft ohne Sinn für die richtige Dosierung der Liebesgabe. Entweder verschenken sie sich ganz oder schrecken unangemessen zurück, wenn man sie zu lange berührt. Das richtige Maß für Nähe zu finden erfordert einige Energie. Keineswegs – und das ist das Besondere an diesen Geschichten – ergreift diese Anstrengung die Sprache. Vielmehr scheint es so, als transformiere das Erzählen die Beziehungsnot der verwundeten Figuren in zarte Verletzlichkeit.
Tatsächlich machen die meisten sogar vorm Abgrund halt. Sie greifen zum Telefon, um doch noch jemanden anzurufen. Sie unternehmen tapfer lange Fahrten zum lange vermiedenen Vater, ohne Antworten zu finden. Oder sie warten nach Beerdigungen, bis sie in dunklen Räumen sitzen, um endlich schreien zu können, doch immer allein. Nicht alle Erzählungen aus den letzten knapp 45 Jahren in diesem vermischten Band haben die existentielle Schwere, die Paula Fox ihnen ein- gibt, wenn sie im richtigen Moment schließt, eine Büroklammer fallen lässt oder Dialoge und Gesten so arrangiert, dass man die große Störung hinter den vielen kleinen irritierenden Alltagshandlungen aufbrechen sieht – „das Sichtbare und das Unsichtbare“, wie Bernadette Conrad in ihrem Nachwort schreibt.
Die besten Erzählungen aber betonen den Rang dieser großen amerikanischen Autorin und ihres Werks. Sie verwandeln sich die Doppelbödigkeit eines Lebens an, das geprägt ist durch die Erwartung von Unsicherheit, durch die Erfahrung einer Logik wie in „Alice im Wunderland“: Wenn etwas fällt oder ver- schwindet, kann es an einem anderen Ort wiederauftauchen oder auch an zwei Orten zugleich sein – durch Erinnerungen, Phantasie, Bücher. Von dieser ver- wirrenden Sehnsucht und der Aufhebung der Schwerkraft handelt das Werk der Paula Fox.

Paula Fox: „Die Zigarette und andere Stories“.
Aus dem Englischen von Karen Nölle und Hans-Ulrich Möhring. C. H. Beck Verlag, München 2011,
255 S., geb., 19,95 €

erschienen in der  FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG, 3. Juni 2011

Apr 30 11

Bernd Brunner: Porträt

Claus Brunsmann

Der Mensch und der Mond führen eine merkwürdige Beziehung. Distanziert, muss man wohl sagen. Aber keineswegs ohne Leidenschaft. Was vielleicht daran liegt, dass man so lange so wenig voneinander wusste. Welche Geschichten fantasiebegabte Menschen im Laufe von Jahrhunderten auf die Umlaufbahn schickten, erfährt man in Bernd Brunners Buch „Mond. Die Geschichte einer Faszination“. Und so skurril sich dort diese Beziehung zwischen Himmelskörper und Mensch ausnimmt, so skurril liest sich Brunners eigenes Werkverzeichnis, entstanden aus Fragen, die eher Kinder stellen: Wie kommt das Meer nach Hause? So heißt sein Buch über die Erfindung der Aquarien. Und wer hat eigentlich den Weihnachtsbaum erfunden? Nachzulesen bei Brunner in diesen vorweihnachtlichen Tagen. Wiederum geht es da viel um Projektion, um das, was Menschen damit verbinden. Der Baum als Traum, wo sich verschiedene Dinge verdichten.

Bernd Brunner wollte immer erzählen, nicht dozieren oder aufzählen. Er testete die Grenzen zwischen Essay und Literatur. Jetzt ist er also Sachbuchautor. Was das überhaupt ist? Er bleibt bescheiden, es dauerte ein paar Bücher, bis er das über sich selbst sagte. Der Weg scheint inzwischen klar und seine Talente bestmöglichst genutzt, eine neue Idee sogar schon in Sicht: Das Leben in der Horizontalen. Es wird übers Liegen gehen und wie verschiedene Kulturen das handhaben. Auf solch eine Idee muss man erst mal kommen.

Sein erstes Sachbuch handelte von uns und einem Tier: „Bär und Mensch“. Seltsam, dass Menschen sich manchmal so nennen, gerne dann im Diminutiv: Bärle. Oder Bärchen. Und dann der Teddybär, so einen hatte Brunner selbstverständlich auch. Plötzlich war die Idee da, so wie Ideen einfach da sind, ohne dass man genau weiß, woher sie kommen. Er begeisterte dafür einen Verlag, forschte, sammelte und schrieb die Geschichte dieser Beziehung. Der Bär also, ein Objekt, das er – wie den Mond – schlecht anfassen konnte. Dabei, sagt er heute, bahnte ihm gerade das Anfassen, das Fühlen den Weg. Als Kind Steine, Wurzeln, Früchte sammeln. Dann der Blick durchs Mikroskop ins Innere, das so anders aussah als der Gegenstand von außen. Die filigrane Landkarte aus Seen und Äderchen faszinierte ihn. Ein Naturwissenschaftler ist trotzdem nicht aus ihm geworden. Nach einer Banklehre hat er BWL studiert, aus Vernunftsgründen, und anschließend journalistisch gearbeitet, auch beim Fernsehen, die Wirtschaftsthemen, „Späth am Abend“ zum Beispiel. Dann der Bruch mit der Wirtschaft und noch ein Studium, diesmal Kulturwissenschaft und Amerikanistik, einige Semester davon auch in Seattle. „Nach Amerika. Die Geschichte der deutschen Auswanderung“ schrieb er dort, zunächst auf Englisch. Jetzt drückt er sich lieber wieder in der Muttersprache aus, da ist er spielerischer und literarischer. Unternehmerischen Geist treibt ihn immer noch, beispielsweise bei der Suche nach Verlagen, gerne immer andere. Brunner tritt ein für seine Bücher, die in acht Sprachen übersetzt sind, ganz vorne: Japan. Warum sich gerade Japan für seine Themen interessiert, weiß er selbst nicht recht.

Vielleicht ist es die Aufmachung der Bücher, ihr Bildcharakter: Blättert man sie durch, verweilt man gerne bei filigran gezeichneten Graphiken, die illustrieren, was Brunner gerade erklärt. Im Aquariumsbuch etwa das Bild zweier Akrobatiker, am Uferrand eines Gewässers mit Verrenkung beschäftigt, während unter ihnen ein großer Tintenfisch im Wasser schwimmt, formgleich wie die verbogenen Turnerkörper. Tatsächlich hatten, so lesen wir, im 18. Jahrhundert französische Forscher beim Ringen um Verständnis des rätselhaften Tintenfisch-Körperbaus Parallelen gezogen zwischen den Bewegungen des Meerestiers und der Akrobaten. Und wir tauchen mit Brunner weiter in die Tiefe, wo Lebewesen wohnen, die unseren Vorstellungen von Monstern gar nicht so unähnlich sind. Mit dem aus der Tiefsee ans Tageslicht beförderten Wissen kommen Rätsel, abstruse Noterklärungen und Emotion.

Kulturgeschichte, so zeigt Brunner in allen Büchern, ist immer auch eine Folge von Projektion, dem Bedürfnis entsprungen, das Unerklärbare handlich zu machen. Und es wundert kaum, dass George Fowlers 1813 in seiner Erzählung „A Flight to the Moon“ eine „Wolke, so weiß wie Milch“ beschreibt, die sich bei näherer Betrachtung als weibliche Schönheit entpuppt, mit einer Haut „so weiß wie langsam fallender Schnee“, mit rosafarbenen Wangen und Lippen und Augen so hell wie funkelnde Diamanten. Mit zarten Worten lädt sie den Helden in ihre Welt ein: „Du bist dazu bestimmt, den Mond zu besuchen!“

Der Mond, der Bär, die Wassertiere, der Weihnachtsbaum – alle eignen sich beim Betrachten hervorragend zur Umstülpung der eigenen Innenwelt. Brunners Bücher mit ihren vielen Bildern sind Archive, in dessen Mappen die Träume, die Visionen, die Ängste der Menschheit lagern. Das Internet hat ihm die Spurensuche erleichtert. Privatarchive waren besser auffindbar und nicht mehr nur Zufallsfunde. Als er noch während des Studiums das erste Buch von Wolfgang Schivelbusch las, über die Geschichte der Eisenbahnreise, war das Erkenntnisinteresse festgelegt: Die Geschichte der Eisenbahnreise als Mentalitätsgeschichte. Schivelbusch vermittelte nicht trockenes Wissen, sondern ein Drama. Er erzählte, wie die Eisenbahn in die Menschen regelrecht hineingebrochen ist und ihr ganzes Empfinden von Zeit und Raum veränderte. Solche Zusammenhänge wollte auch Brunner anschaulich machen. Er selbst sieht sich zuständig fürs populäre Sachbuch, ohne akademischen oder theoretischen Anspruch. Gleichwohl verleibt er sich schwierige Texte ein, um danach die Position zu vereinfachen, auch das eine Herausforderung. Er erzählt, was ein Mondregenbogen ist, warum wir den bleichen Erdbegleiter fälschlich als weiß erleben und wie die katholische Kirche und Maria sich zu ihm verhalten. Er fragt, ob er ein Geschlecht hat und schaut nach, wer ihn alles bedichtet hat. Bei aller Kulturgeschichte vergisst Brunner nicht die technische Seite, die Apparaturen. Seine Bücher führen Kultur- und Naturwissenschaften zusammen. Von dieser Begegnung zu erzählen wie in einem „Kinderbuch für Erwachsene“, ohne verniedlichende Sprache, ist Brunners Ideal.

Vielleicht ist das die Erklärung dafür, warum seine Bücher bei aller Seriosität und jenseits ihrer Vielfalt merkbar an zwei archaischen Kindheitspfeilern entlang geschrieben sind: Bedrohlichem und Visionärem. So auch in Bernd Brunners aktuellem Buch über den Mond. Licht und Schatten strukturieren es, die immer heller alle Mondwinkel ausleuchtende Geschichte der Wissenschaft auf der einen Seite, und der Mond unserer dunklen Gedankenwelt auf der anderen Seite. Brunner zeigt den Mond als Studienobjekt wie Projektionsfläche. Realität und Fiktion, so erweist sich, sind dabei keineswegs komplett voneinander getrennt. Im Gegenteil: Oft sind sie, und das ist vielleicht das Erstaunlichste an dieser Übersicht wie an den anderen, eng miteinander verzahnt.

Jetzt ist Bernd Brunner erst einmal spontan umgezogen, von Berlin nach Istanbul, das ihn inspiriert. Und wo er, trotz seines Buches über die Erfindung des Weihnachtsbaums, nach wie vor keinen eigenen Weihnachtsbaum schmücken wird. Eine Lichterkette im Fenster genügte ihm bislang. Man darf gespannt sein, welche Themen sie künftig noch alles beleuchtet – jenseits der aktuell entstehenden Geschichte über das Leben in der Horizontalen.

Von Bernd Brunner erschienen:

erschienen auf  ZEIT ONLINE, 2011

Mrz 30 11

Annette Pehnt: Hier kommt Michelle

Claus Brunsmann

Über dieses Buch kann man drei Geschichten erzählen. Die erste spielt in Freiburg, wo die Autorin Annette Pehnt („Insel 34“, „Mobbing“, „Haus der Schildkröten“) nicht nur lebt, sondern als Dozentin an der Pädagogischen Hochschule, die Lehrer ausbildet, markante Blicke auf studentische Frischlinge und den Unibetrieb wirft. Der tägliche Umgang hat sie zu einem kurzweiligen kleinen Roman über die ersten Semester einer solchen ehrgeizigen Studentin inspiriert, der eindeutig ironische Untertöne hat: „Hier kommt Michelle.“ Die Universität ist freilich ein hermetischer Raum, aus Yuccapalmen, Antragsstellern, frustrierten Dozenten, die, wo immer man sie trifft, gerne über die all zu frontal beschulte, neue, naive Generation jammern, die keine eigenen Fragen stellt, sondern nur Aufträge ausführt – das Gegenteil wissenschaftlichen Arbeitens. Ein Terrain also, über das man sich wunderbar lustig machen kann. Längst gibt es dafür eine eigene Gattung, den Campusroman, der durchaus kabarettreife Züge trägt, Stegreiftheater sozusagen, das von der realen Bühne des Lebens in Literatur zu verwandeln keine ganz leichte Aufgabe ist. Annette Pehnt – das macht sie zu einer der interessantesten Gegenwartsautorinnen – hatte schon immer auch Sinn für feinen, nie grobschlächtigen Humor, für die dem Alltag innewohnende Komik, die zugleich im Scheitern tragische Züge erhält. Im Grunde also ist sie eine ernsthafte, gut zu lesende, weil nie künstlich schwerfällige Autorin. Jetzt hat sie sich selbst – und uns – ein unterhaltsames Buch gegönnt, das mit dem höchsten literarischen Anspruch bricht: „Mein Beitrag zur Trivialliteratur“, wird sie zitiert.

Und hier beginnt die zweite Geschichte. Sie spielt immer noch in Freiburg, aber im Untergrund. „Michelle“, als Manuskript, erschien nämlich vorerst nicht im Hausverlag der Autorin, dem Piper Verlag, der sonst immer sehr daran interessiert ist, alle Texte zusammen zu halten. Thomas Tebbe, Programmleiter Belletristik und Annette Pehnts Lektor, nimmt seine Aufgabe ernst, worunter eben auch fällt, den Schützling vor einer Veröffentlichung zu bewahren, die dem „Autorenprofil“ schaden könnte. Er fand, der Text „besitze keine größere literarische Strahlkraft“, gibt aber zu, dass er sich beim Lesen amüsiert habe. „Michelle“ blieb also vorerst in der Schublade. Weil sie aber mit ihrem „schmalen, flinken Körper“ nach einigen privat organisierten Lesungen die regionalen Herzen nicht nur betroffener Universitätsmitglieder erobert hatte, half Friedemann Holder: Er brachte das Druckwerk in seiner Reihe „Text Mission“ im Verlag der linksalternativen Freiburger Buchhandlung Jos Fritz unter, die immer schon – wie ihr Namensvetter – für die Unterdrückten kämpfte. Das war 2010. Der Roman kommt im kecken Jackentaschenformat daher, mit einmontierten Fotos aus Michelles Alltag. Die Kapitel heißen „Module“, der Albtraum aller Studierenden – im Post-Bologna-Unijargon bezeichnet man damit die einzelnen Bauteile, für die am Ende der Abschluss winkt; kurzum: sie sind das Kapital. Inzwischen ist dem Werk ein kleiner Erfolg beschieden. Piper will nun nachrücken und als Geste an die Autorin „Michelle“ doch im Taschenbuch veröffentlichen – Broschur verzeiht mehr als das förmlich gebundene Buch.

Die dritte, vergnüglichste, etwas gemeine Geschichte spielt in „Sommerstadt“, unschwer als süddeutsche Unistadt zu erkennen. Hier plant Michelle ihr neues Leben. Sie ist eine reizende, junge Abiturientin mit einer raschen Auffassungsgabe und einer ausgeprägten Schwäche für Katzen, bereit, einiges auszuprobieren, „schließlich hat sie sich in den letzten Jahren sehr am Riemen gerissen, und gelohnt hat es sich, das sagt jeder, und sie selbst sagt es sich voller Stolz.“ Sie meldet sich überall an und will alles richtig machen, wenn man ihr nur sagt, was sie machen soll. Geschichte ist nicht ihr Ding. Sie glaubt sogar, wie viele ihrer Altersgenossen, „dass man die Gegenwart nur ohne Geschichte verstehen kann“. Eben noch im Abi geschwitzt, „den Teddy als Glücksbringer gegen den Multivitaminsaft gelehnt“, will sie voran kommen, Scheine machen, nicht zurückblicken, die Ernte ihrer strebsamen Schulzeit einfahren. Wie eindimensional sie gezeichnet ist!

Inzwischen gibt es schon den Begriff für diesen neuen überbehüteten Typus, mit dem Annette Pehnt in krasser Überzogenheit spielt, was sicherlich beim Schreiben viel Spaß gemacht hat: „parentified kids“. Dazu passend die mit Adleraugen über ihren Kindern kreisenden Eltern, genannt „helicopter parents“, eingeladen zum Erstsemestercafé und sogar schon mit eigenem Wikipedia-Eintrag und lustigen Grafitis im Netz vertreten. So lustig ist das aber eigentlich gar nicht. Und so kommt, was kommen muss: Michelle gerät (für den erforderlichen Kreativ-Schein) in die Schreibwerkstatt einer bösartigen Schriftstellerin, die ihr am Ende mit schlechter Note bescheinigt, sie habe nichts zu sagen. („Mutter: Na du sagst doch gerade was, oder? Michelle: nickt und lacht unter Tränen“.) Michelle stürzt sogar in eine kleine, depressive Krise, rappelt sich aber wieder dank eines Auslandssemesters und schottischen Biers auf, um schließlich selbst Teil des Betriebs zu werden, als wissenschaftliche Hilfskraft eines Professors. Jetzt lacht und lästert sie vorsichtig mit. Nur demonstrieren gegen die immer schlechteren Studienbedingungen will sie vorerst lieber nicht. Aber das kann ja noch werden. Pehnts Campus- und Entwicklungsroman ist erst „Bd. 1“, an dessen Ende die alte, ehrwürdige Universität in Flammen aufzugehen droht. Weg mit dem ganzen Zeugs. Ein würdiges Ende für einen Kultroman.

Sagen wir es wie die Germanisten hochgestochen mit ihrem Lieblingstheoretiker Bourdieu: Die verschiedenen Akteure des Felds, in diesem Fall des Unibetriebs, im weiteren Sinn des Bildungssystems, sind in ihrer Überzeichnung gut getroffen, und zwar alle, vom Rektor bis zu dessen überfordertem Pressesprecher, von der doppelbelasteten Teilzeitkraft auf Abschussrampe bis zum längst gekündigten traurigen Fall. Alle sind erkennbar Teil eines gigantischen Schuld-Verschiebe-Bahnhofs, der im Kindergarten beginnt und mit Uniabschluss längst noch nicht endet. Ein Macht-Apparat mit Hintertürchen, die Michelle mit hinreißender Energie zu finden versucht. Darüber ohne die Schwerlast täglicher politischer Debatten mal eine bissige Satire lesen zu dürfen, ist erleichternd. Der Charakter des Textes als Schlüsselroman ist da völlig sekundär – und offenbar die Figuren auch so gut getarnt, dass nicht alle eindeutig dechiffrierbar sind. Über eines aber sind sich die gemeinhin wohl informierten Kreise einig: Jeder kennt aus seiner Sprechstunde eine „Michelle“, die freimütig zugibt, den zu besprechenden Roman aus privaten Gründen nicht gelesen zu haben und ohne Scham eine Arbeit ohne eine einzige Fußnote abgibt. Die Dozenten selbst – blass, schwarz gekleidet, belesen, aber ständig nur traschend – kommen übrigens nicht viel besser weg.

Annette Pehnts Lektor mag recht haben: Sie hat einen Ruf zu verlieren. Aber kann der Literaturbetrieb wirklich so schlecht differenzieren? Das hier servierte, locker geschriebene Abziehbild, das auch Wahrheit birgt, rechtfertigt die Autorin mit einfachen, aber wirkungsvollen Waffen: Sie benennt die Schwächen mit Hilfe eines Vorsatzes (anstelle einer Zueignung) lieber gleich selbst: „Dieser Roman ist larmoyant, verbittert, arrogant, ungerecht und unpsychologisch; er enthält Stereotypen, Versatzstücke, Gesellschaftskritik, Verhöhnungen, Polemik und ein negatives Weltbild. Ähnlichkeiten zu lebenden Personen sind beabsichtigt.“ Der andere Distanzierungstrick ist noch älter und einfacher und besteht im regelmäßigen Einschub des Porträts der Erzählerin (das bekanntlich nicht zu verwechseln ist mit dem Autoren-Ich!). Diese Erzählerin freut sich diebisch, das harmlose Mädchen entworfen zu haben, um ihr Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Manchmal wird es ihr ob der eigenen Häme etwas mulmig. Und so schleicht sich beim Leser sogar etwas Mitleid ein für den rüden Umgang mit Michelle.

Annette Pehnt, und das ist das eigentlich Interessante an allen drei Geschichten, hat damit nicht nur ihrer Figur, sondern quasi sich selbst Begleitschutz gegeben. Unterstützt wird sie von den Herausgebern, neben Friedemann Holder noch Michael Staiger, die in mittlerweile zwei flockigen Vorworten auf Vicki Baums Kolportageroman „Menschen im Hotel“ (1929) referieren, als Vorwarnung: Hier gilt das Drehtürprinzip. Keine kunstfertigen Charaktere. Nur Teile, nichts Ganzes. Und genau das sollte den Pehnt-Lesern zugemutet werden: dass sie auch dieses Büchlein rezipieren als Teil eines Werkes, das vielversprechend wächst. Im Frühjahr 2012 gibt es wieder einen ernsthaften Roman über die Verstrickung dreier Mütter aus verschiedenen Generationen. Bis dahin darf offenherzig gelacht, sich dafür geschämt und nebenbei analysiert werden.

 

Annette Pehnt: Hier kommt Michelle. Ein Campusroman, Bd. 1. Jos Fritz Verlag. Freiburg i.Br. 2010. 142 Seiten, 9 €.

 

Erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 2011

Nov 30 10

Ulla Hahn: Aufbruch

Claus Brunsmann

Hilla Palm – das ist, obwohl gern vermutet, nicht etwa eine Anspielung auf Hildegard Domin, die Lyrikerin und eine verheiratete Palm. „Dat“ Hilla und auch der Nachname Palm sind schlicht beliebte Kölscher Name. So beliebt, dass Ulla Hahn, selbst bekanntlich auch Lyrikerin, in ihrer autobiografisch grundierten Prosa ihre Protagonistin eben Hilla Palm nannte. Das erzählt sie jedenfalls gerne in Interviews. Die Erkundung ihrer Wurzeln schon im ersten, bereits verfilmten Roman „Das verborgene Wort“ (2001) verband sich dabei untrennbar mit der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in den fünfziger Jahren. Auch die Fortsetzung „Der Aufbruch“ transportiert nicht nur die Sicht einer Heranwachsenden, die durchs Wort, durch die Begeisterung für Literatur zum Leben findet. Diese Prosa, nun bei den 60er Jahren angekommen, atmet durch die Zeit, in der sie spielt; durch den Einzug des Quelle-Katalogs in die Provinz; das Aufklappen des Fernsehers in der Küche, dem einzig beheizten Raum im Haus; durch die vielen, oft unreflektierten Rituale, die Ulla Hahn in beiden Romanen zusammenträgt. Volksnah und drastisch erzählt sie vom Aufwachsen Hillas im katholischen Rheinland. Der Großvater war diesem Mädchen stets eine Lichtgestalt. Sein „lommer jonn“, lass uns gehen, zieht sich wie ein Lockruf durchs unterkühlte Erziehungslabyrinth der Eltern. Man meint diesen Ruf auch im zweiten Teil noch zu vernehmen. Hilla ist inzwischen Oberstufenschülerin kurz vor dem Abschluss, ihr Ziel nach wie vor die Befreiung aus einer Familie, die Bildung nicht vorsieht.

Das hat seinen Preis, schleichen sich doch Inbrunst und Sehnsucht dieser strebenden Figur Hilla mitunter etwas mustergültig zwischen die Zeilen. Doch man kommt nicht umhin, die planvolle Hand hinter dieser Ich-Perspektive zu bewundern. „Bööscher? Nä, hatte der Vater gesagt. Aber ich bekam eine Zahnspange“, heißt es schon lapidar im ersten Band. Auch jetzt gilt Ulla Hahns Liebe dem Aufeinanderprall unterschiedlicher Welten. Das Arbeitermädchen, das beim Lesen der Philosophen einen „kalten Jubel im Kopf“ verspürt, erhält unverhofft Türöffner – für das Studium in Köln und einen Platz im Wohnheim; nicht nur finanzielle Helfer, auch solche, die sie bestärken, das zu tun, was sie will. Früh bewirbt sich ein wohlhabender „Campari-Mann“ um die junge Dame, der ihre Wissbegier schätzt und ernsthaft anbietet: „Ich hol dich da raus“. Doch Hillas Credo heißt „Leistung statt Almosen“. Später sind es andere Lichtgestalten, zwischen die sich allerdings auch Traumatisierendes schiebt. Es scheint sogar, der Roman ebenso wie die Hartnäckigkeit der Figur seien um dieses Ereignis, eine Vergewaltigung, herumgeschrieben. Alles erhält dadurch einen anderen Ausdruck.

Wie hier überhaupt Tonarten einander abwechseln, wie hier die Lesenden umschmeichelt werden, wie hinter vorgehaltener Hand Unsagbares mitgeteilt oder prall vom Alltag gesprochen wird, interessiert und überzeugt. Und es fehlt auch diesmal nicht an jener poetischen Kraft, die Ulla Hahn immer wieder mit jenen sogenannten „Buchsteinen“ beschwört, die auch graphisch die einzelnen Abschnitte voneinander scheiden: Fund- und Sammelstücke des Großvaters, der die Kinder anhielt, Geschichten in die von der Natur imprägnierten Schnörkel hineinzulesen. Diese Gabe, die Wirklichkeit zu vergrößern, verlässt auch die Erzählerin nie. Bisweilen schüttet sie ihre Früchte etwas üppig aus. Wer das nicht scheut, fühlt sich in eine andere Zeit zurückversetzt. Man trägt auch an warmen Tagen lange Wollstrümpfe. Es gibt Tanzstunden, gebauschte Strickjäckchen, goldene Ketten mit Kreuz. Und jetzt, in den 60ern, eben die neue Welt, die durch den Fernseher eindringt, aufgespannt zwischen Kriegsverbrecherprozessen und Grzimek. Dialekt, Latein, Sprachspiele halten den erzählerischen Ton frisch. Darunter blitzen die Nöte derer auf, die im ersten Band vom Kind noch unverstanden blieben: die der Eltern. Hilla beginnt zu verstehen. Und so wird dieser zweite Roman tatsächlich im doppelten Sinn zum „Aufbruch“: in freies, unabhängiges Denken; aber auch zum Aufbruch der verkrusteten emotionalen Häute einer ganzen Generation. Ein dritter Band ist in Arbeit. Schön, wenn dieser Weg weiterverfolgt wird.

 

Ulla Hahn: Aufbruch. Roman. Deutsche Verlagsanstalt, München 2009, 592 Seiten, 24,95 €.

Erschienen in der Stuttgarter Zeitung, 2010

Jun 30 10

Chaim Be’er: Bebelplatz

Claus Brunsmann

Es ist Nacht, als ein israelischer Schriftsteller, während einer Konferenz zu Gast in Berlin, auf den Bebelplatz, vormals Opernplatz tritt. Zu seinen Füßen betrachtet er die in den Boden vom Künstler Micha Ullman eingelassene Glasplatte, darunter den leuchtend weißen Raum mit leeren Regalen, der an die Bücherverbrennung mahnt. Hier, sagt sein Begleiter Schlomo Rappoport, Antiquar in Berlin, tat am 10. Mai 1933 die Erde ihren Mund auf. Hier, zu Füßen der Leute, „und sie sahen es und schrien nicht“. Wir sind schon mitten drin im Roman „Bebelplatz“, der viele Geschichten erzählt, von Auswanderern, einer deutschen Philologin und einem israelischen Immobilienhai, vom Sohn eines hohen Militärs der Nazizeit, von manischen Büchersammlern und Instituten, die sich um einen sicheren Ort für jüdische Schriften sorgen. Und so, wie das Studium des Talmud Austausch und quirliges Gespräch entfachen soll, überzeugt auch dieser Roman weniger durch einen zwingenden Handlungverlauf, vielmehr durch den melodiösen Kontrapunkt, der sich aus Rede und Gegenrede der Figuren entwickelt. Man fragt, bohrt nach, spielt mit Wissen, kontert scharf, freut sich auch mal heimlich an der Unbelesenheit des Anderen oder erzählt enthusiastisch. Das schafft authentische, charismatische Figuren mit Stärken und Schwächen. Und so folgt man als Leser gern dieser gewandten Rhetorik. Unvermutet entdeckt man immer wieder neue Lebenlinien, die sich quer über Kontinente spannen und geheime Verbindungen freilegen; oder man verweilt bei einer kleinen Geschichte, die plötzlich das Gewicht eines Gleichnisses erhält, das die Augen für Namenloses öffnet.

Chaim Be’er heißt der hier erzählende Schriftsteller im Roman, so wie der Autor selbst, der, 1945 geboren, in einer orthodoxen Familie in Jerusalem aufwuchs. Ein Aufenthalt im Literarischen Colloquium führte ihn nach Berlin in die Villa am Wannsee. Hier lässt er nun Gelehrte aus aller Welt in einer konspirativen Runde aufeinandertreffen. Alle verbindet die Leidenschaft fürs Buch. Schlomo Rappoports Leben etwa ist schicksalsträchtig damit verhaftet. Während er und die Mutter der Nazigreuel entkam, blieb sein Vater – wegen der Bücher. Mit einem der letzten Transporte von Berlin-Grunewald hat man ihn nach Bergen-Belsen deportiert. Von der Bibliothek blieb nichts. Bis heute sucht Rappoport nach einem Buch seines Vaters und nach solchen Büchern, die gar nicht erst in Umlauf gelangten, weil sie noch in der Druckerei verbrannten. Jetzt, auf dem Bebelplatz, während der Schnee schräg fällt und der Sturm immer stärker wird, während der Antiquar Untergangsstimmung verbreitet und vom allesverschlingenden Charakter der Erde spricht, treffen die Erinnerungen aufeinander und bilden einen weiteren gespenstischen Kontrapunkt. Berlin als Ort dieser Begegnungen ist ebenso wichtig für Struktur und Wirkung dieses Romans wie das Spiel aus Rede, Gegenrede und Schweigen. Insbesondere der Wannsee. „Auf der einen Seite des Sees verschluckte die Dunkelheit das Gästehaus der SS, und rechts davon leuchteten einige Lichter der Halbinsel Schwanenwerder, auf der in ihren glücklichen Jahren Vater Joseph Goebbels und Frau Magda mit ihren sechs süßen Kindern gewohnt hatten.“

Die Leere und „der Abgrund zwischen den verschiedenen Ebenen der Existenz“ blitzen wie in tausendfach angeordneten Spiegeln auf. Be’er arbeitet damit metaphorisch, theologisch, biografisch. Er verbindet dabei die Leere mit Fülle, die negative Assoziation mit der positiven, die in dieser verwirrenden Zweideutigkeit noch deutlicher im Originaltitel anklingt: „lifnej ha-makom“ (2007) heißt „Vor dem Platz“. „Platz“, erläuterte der Autor in einem Interview, verweise im Hebräischen auch auf Gott. Denn in der hellenistischen Zeit ließ man einen Buchstaben aus, wenn man Gottes Namen schrieb. Man hielt einen Platz frei. Am Bebelplatz mit seiner unterirdischen leeren Bibliothek fragt Schlomo Rappoport: Wo war Gott während des Holocaust?

Schmerz und Hoffnung, gespeist aus der Geschichte der europäischen Juden bis zur Situation im heutigen Israel, sind Leitströme dieser vielschichtigen Prosa. Alle Romanfiguren begegnen der Angst vor dem Verlust jüdischer Kultur auf unterschiedliche Weise. Chaim Be’er etwa arbeitet an einem Buch über einen Mann, der eine Bibliothek außerhalb Israels errichten will – eine „Sicherheitskopie“ für den Fall, dass der Staat Israel untergeht. Das Romanprojekt steckt allerdings fest – wegen der „plötzlichen Nähe zur Wirklichkeit“ in Berlin, wo die böse Ahnung einer bücherlosen Welt ein reales Vorspiel hat. Und so sammelt er in den vielen Begegnungen Mosaiksteine, statt einem glatten Erzählplan zu folgen. Der alte Roman geht im Neuen auf, mit Fragen und Reflexionen, die sich um eine kleine, angedeutete Liebelei legen und viele Rätsel lassen. Gerade aber an den ästhetischen Bruchkanten, an den anspruchsvolleren Passagen von „Bebelplatz“, verdichtet sich das hier angehäufte Material zum zentralen Thema, das die Romanteile verstrebt und trägt: Wie überdauert der Geist, das Wort, eine ganze Kultur? „Bebelplatz“ erzählt schließlich auch von der Dringlichkeit, Kultur nicht nur zu bieten, sondern zu empfangen – was im Falle Chaim Be’ers, dessen Werk mit historischen wie jüdisch-religiösen Bezügen durchzogen ist, eine besondere Herausforderung ist. Die Übersetzerin Anne Birkenhauer, die unter anderen auch David Grossmans Romane sensibel aus dem Hebräischen übertrug, ist sich dieser Schwierigkeit bewusst und erläutert in einem Nachwort ihre genau abgewägten Entscheidungen. In Absprache mit dem Autor hat sie an einigen Stellen unauffällig Überbrückungshilfe geleistet, an anderen Stellen um explizitere Formulierungen gebeten, damit Anspielungen auf Bibelzitate und andere Assoziationen verstanden werden. So ist diese deutsche Ausgabe tatsächlich neben dem Original eine weitere Version, für die man dankbar sein kann, weil sie die Komplexität des Themas auf der sprachlichen Ebene begleitet.

Chaim Be’er: Bebelplatz. Roman. Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. Berlin Verlag, Berlin 2010. 319 Seiten, 24,90 €.

Erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 2010

Jun 11 10

David Grossman: Der Rufer in der Wüste

Claus Brunsmann

Der Rufer in der Wüste

Unterwegs zu den Orten der eigenen Angst: Der israelische Schriftsteller David Grossman trotzt mit seinem jüngsten Roman den Schrecken des Nahostkonflikts. Eine Begegnung mit dem diesjährigen Friedenspreisträger.

Stimmen eröffnen David Grossmans Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“. Unsichere Fragen, vereinzelte Rufe im Dunkeln, noch bevor man einander sieht. Die Stimme, sagt David Grossman bei unserer Begegnung, die Stimme sei etwas Intimes, eine Markierung. Er spricht präzise, nimmt sich Zeit, um eine Frage genau zu beantworten. Ihn selbst haben Stimmen geprägt. David Grossman, 1954 geboren, war neun, als der einzige Radiosender des jungen Staates Israel einen Wettbewerb ausrief. Es ging um Erzählungen Scholem Alejchems, und die kannte er wie niemand. Sein Vater hatte ihm das Buch zum Lesen gegeben. Es schien den Jungen durch einen Tunnel zu führen, direkt in das osteuropäische Schtetl Galiziens, wo sein Vater aufgewachsen war, bevor er 1936 nach Palästina einwanderte.

Bedürfnis nach Dialog

Was er von seinem Vater gelernt habe? „Mensch“ zu sein, sagt er und lächelt. Aber er sei, wiegt er ab, eine perfekte Kombination aus beiden – von der Mutter habe er das Klare; sie liebt scharfe Bemerkungen. Aufzufallen sah der Familienkodex aber nicht vor. Und so war es, als damals der Brief des Radiosenders eintraf, für die erschrockenen Eltern, „als hätten sie einen Brief von Ben Gurion erhalten“ – kurzum: Ihr Sohn wurde tatsächlich Radiosprecher. Später arbeitete er als Redakteur und Hörspielautor. Und als man ihm einmal in einem Sprechkurs den Trick beibringen wollte, er solle sich eine Busladung Publikum vorstellen, zu denen er rede, entschied er: „Ich stellte mir lieber den einen Menschen in einer Wüste vor, zu dem ich spreche, und nur zu ihm!“

Man spürt das Dringliche, das Ehrliche, die Würde dieses intimen Raums in allen seinen Romanen und selbst in den politischen Essays. Doch Grossman ist dabei kein einsamer Rufer. Schon immer habe er „ein großes Bedürfnis nach Dialog“ gehabt, überzeugt davon, dass jedes Gespräch etwas mit uns macht. Seine Stimme hat in Israel Gewicht. David Grossman geht es um viel. Das jüdische Leben im Schtetl, von dem er als Kind dachte, es existiere immer noch und parallel zu seinem, war ihm lange wie ein Märchen. Es brach bei einer der obligatorischen Holocaust-Gedenkfeiern in sich zusammen. Mit einem Mal wurde dem Neunjährigen klar: „Diese sechs Millionen, diese Ermordeten, diese Opfer, diese ,Märtyrer der Shoa‘, wie man sie auch nannte – das waren meine Leute. Das waren Mottel, Tewje, Shimele, Soroker, Chavale, Stemphanio, Lili und Shimek.“

Wanderung durch Israel

Das Trauma der Shoa bebt in Grossmans Werken nach, etwa in dem Roman „Stichwort: Liebe“. Sein Opus magnum aus dem vergangenen Herbst „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ erzählt dagegen von der Situation heute; von Ora, einer Mutter, die ihren Sohn Ofer in den Krieg begleitet und dann beschließt, vor der möglichen Todesnachricht zu fliehen. Sie will nicht untätig zu Hause sitzen und warten. So wandert sie lieber mit ihrer unendlichen Angst quer durch Israel. Sie wird dabei begleitet von Avram, ihrem ehemaligen Geliebten, den nichts mehr hält – die Schrecken der Folter in ägyptischer Gefangenschaft im Jom-Kippur-Krieg haben ihn kühl gemacht. Ora aber gelingt es während dieser langen Wanderung, Avrams Kruste allmählich aufzubrechen. Sie erzählt ihm vom Leben, von ihrem Sohn Ofer, von der Ernsthaftigkeit bei den ersten Schritten, als er noch klein war. Und während sie Avram durch Reden ins Leben zurückholt, füllt sie, wie sie hofft, auch ihren Sohn Ofer mit Leben, irgendwo dort draußen im Krieg, wohin sie ihm nicht folgen kann.

„Sie will einen Zaun um ihn bilden mit all diesen Geschichten“, sagt David Grossman. Er begann den Roman 2003, kurz bevor sein älterer Sohn Jonathan seinen Militärdienst beendete und sein jüngerer Sohn Uri einberufen wurde. Mit ihm hat er viel über den Roman und die Figuren gesprochen. „Was hast du ihnen diese Woche wieder angetan?“, fragte der Sohn oft. Uri starb am 12. August 2006 in den letzten Tagen des zweiten Libanonkrieges beim Versuch, die Besatzung eines anderen getroffenen Panzers zu retten. Mit ihm starben Benaja Rein, Adam Goren und Alex Bonimovitsch. „Ich dachte, ich könnte ihn begleiten, dorthin, wo er sein würde.“

Schreiben, um nicht Opfer zu sein

Grossmans Roman beschreibt eine Angst, die Ora, die Hauptfigur, mit vielen Eltern des Landes teilt. Einmal gräbt Ora wie besessen ein Loch in die Erde, über die sie wandert. Sie weint ihre Tränen hinein. „Was mache ich, dachte sie, ich erzähle der Erde von ihm, warum erzähle ich ihr von ihm, und sie bekam Angst, vielleicht bereite ich sie auf ihn vor, damit sie weiß, wie sie sich um ihn kümmern muss.“ David Grossman betont oft, er schreibe, um nicht Opfer zu sein, um etwas benennen zu können. Seine Figuren sind Fluchtfiguren, doch keineswegs Eskapisten: Sie wachsen, während sie rennen, reden, fantasieren. Und sie dringen dabei manchmal in Bereiche vor, die vorher unausprechlich erschienen.

In den sechziger Jahren, als David Grossman ein Kind in Jerusalem war, gab es auch für ihn Fluchtbücher. Solche, in denen die israelische Fußballmannschaft über die deutsche gewann; oder Enid Blytons „Fünf Freunde“. „Am meisten lasen wir Bücher, die nicht von uns handelten, sondern von anderen Menschen an anderen Orten, friedlichen Orten. Wir wollten wirklich in einem englischen Garten leben! Wir nannten uns George und John, weil unsere eigenen Namen so trivial und banal für uns klangen.“

Der Mensch hinter der Rolle

Heute sucht er die Plätze auf, die ihm Angst machen. Er will das Gespräch, gerade mit Menschen, die, weil sie plötzlich zu Repräsentanten ihrer Kultur werden, als Gegner gelten. Grossman sucht den Menschen hinter seiner Rolle. Vielleicht auch: die Stimme, den Klang hinter dem vorschnell gefertigten Bild. Dies ist sein Weg zu einer friedlichen Lösung des Nahostkonflikts, der beide Seiten berücksichtigt.

Man fühlt bei ihm selbst und in seinen Werken diesen Resonanzraum, der so viele Nuancen kennt. Und wenn er seine beiden Hauptfiguren Ora und Avram über die Krater dieses verwundeten Landes schickt, mit Rucksack und Reden und Beißen und Schweigen und Lieben, mit allem, was menschliche Beziehung ausmacht, schwingt immer beides mit: eine vollkommene Klarheit über das Leben in Israel, über das Glück, wenn man dort vielleicht zwanzig gute Jahre hatte, in denen nichts passierte. Und eine Klage, die ihre Wurzeln hat und die Sehnsucht, endlich verebben zu dürfen. „Jemand schrieb mir, Ora sei wie eine Muse des Lebens“, erzählt David Grossman. Und tatsächlich ist sie die treibende Kraft dieses Romans. Eine Lichtfigur, aller Schrecken zum Trotz.

Berührende Polyphonie

David Grossman wanderte selbst 2003 diesen hier beschriebenen Israel Trail, sogar fünfhundert Kilometer, weiter als seine Figuren. Meistens alleine, manchmal mit Michal, seiner Frau, an speziellen Plätzen, die sie liebt. Der Weg schlängelt sich an historischen Stätten entlang, durch Johannisbrotbäume und Eichen, „in den Fußstapfen der Tannaiten und der Amoräer“, in glühender Hitze, vorbei an Kühen mit prallen Eutern – aber immer auch durch unsicheres Gelände, durch israelisch-arabische Gebiete. Man warnte ihn damals. Ein israelischer Soldat war in dieser Zeit getötet worden.

Aber nicht die Menschen, höchstens Tiere, Hunde und Wildschweine, waren bedrohlich – „alleine macht man kaum Geräusche, und so stößt man plötzlich auf sie“. Die Menschen hingegen, die Grossman traf und die ihn zum Teil erkannten, waren nett und offen. Manche ihrer Erzählungen hat er – mit ihrer Erlaubnis – in seinen Roman sogar eingearbeitet. Ihre Stimmen sind Teil dieser berührenden Polyphonie.

Normalerweise, sagt David Grossman am Ende nachdenklich, begleite er ein Buch, das im Ausland erscheine, nicht so intensiv. Diesmal, mit dem Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“, sei das anders. Vielleicht so, wie man ein Kind am ersten Tag zum Kindergarten begleitet und hofft, dass es gut behandelt wird. Jetzt erhält David Grossman den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2010.

 

erschienen in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG, Juni, 201o

Okt 30 09

Alfred Kubin: 100 Jahre „Die andere Seite“

Claus Brunsmann

Es gibt einen Tag im Leben des Zeichners Alfred Kubin, da er nicht mehr leben mochte. Gewillt, sich am Grab der früh gestorbenen Mutter umzubringen, fährt er mit dem Zug von Klagenfurt nach Zell am See, wo er aufgewachsen war. Der Zug bleibt wegen Hochwassers stecken, und aus einem Tag werden gedehnte zwei, was den 19-Jährigen nur um so entschlossener macht. Mit der Nadel hat er sich nach einem anatomischen Bilde einen Ritz in die Schläfe gemacht, um das Gehirn nicht zu verfehlen. Doch die eingerostete alte Waffe versagt, und zum zweiten Abdrücken fehlt ihm „die seelische Kraft“. So beschreibt es Kubin Jahre später in einer Selbstbiographie. Möglicherweise ist ihm aus der Distanz diese Szene wildromantischer erschienen als sie in Wirklichkeit war. Als Erzählung vereint sie auf irritierende Weise Pose und Plan mit panischer Lebensangst. Wer war dieser Mann, der auf einem frühen Selbstbildnis klein und geduckt am Schreibtisch sitzt, beäugt von einer Maske an der Wand, die zwei Gesichter hat – Leben und Tod?

Man bezweifelt nicht, dass es ernst um den jungen Kubin stand. Der Wunsch nach Auflösung zieht sich durch sein Leben, durch Briefe, Essays, Bilder. Als er am 20. August 1959, heute vor fünfzig Jahren, starb, hinterließ der 82-jährige „Künstler, Grübler, Seher“, wie er sich selbst nannte, nicht nur ein riesiges malerisches Werk und einige Schriften, sondern auch einen erfolgreichen Roman mit Illustrationen und Lageplan: „Die andere Seite“ erschien 1909 und gilt als Klassiker der phantastischen Literatur. Kubin, ein erruptiv arbeitender Mensch, will diesen Roman, als das Zeichnen einmal nicht klappte, in nur acht Wochen abgeworfen haben, die Bilder dazu in weiteren vier. Es ist die Geschichte eines gigantischen Verfalls, dem zwar eine Schöpfungsgeschichte vorausgegangen ist – aber Kubins erzählerisches Herz gilt dem Untergang. Schon als sein Ich-Erzähler, Zeichner wie er selbst, mit seiner Frau auf Einladung des alten Schulfreunds Patera dessen seltsames Traumreich betritt, streift die Reisenden im Grenztunnel kurz Todesangst. Jenseits eines kolossalen Eingangstors hat man ihnen Menschen mit eminent geschärften Sinnesorganen versprochen, dorthin geflüchtet, weil sie mit der modernen Kultur unzufrieden waren. Aber wo kein Fortschritt, da kein Ziel. Kleider verschimmeln, Ameisen pulverisieren die Mauern. Längst fault es im Traumreich Pateras. Weniger von den Rändern her. Eher ausgehend vom Zentrum einer sich selbst verschlingenden Leere.

Wovon nährt sich Kubins Depression? Und wie gelingen ihm, früh schon unter dem Eindruck von Gesichten im „Wunderrausch“, trotz eines äußerst empfindsamen Nervengespinsts in Schaffensphasen diese bizarren Szenen? Als er 1901 die ersten Bilder bei Paul Cassirer in Berlin ausstellt, stürzen sich die einen ungeschützt und begeistert in seine schwindelnden Abgründe; andere Betrachter wollen nichts wissen von seinen „krankhaften Phantasien“. Magere Wölfe strolchen in Schwarz-Weiß-Bildern verloren durch verwehte, fahle Gegenden; aus knöchernen Körpern wachsen ausladende Hintern, Rieseninsekten jagen Menschen. Im Bild „Geilheit“ hält ein dicht behaarter Hund mit erigiertem Riesenpenis, aus dem Samen tropft, eine nackte Frau in Schach. In Kubins bekanntestem Bild springt ein winziger Mann kopfüber pfeilschnell hinab in das struppige Geschlecht einer Frau, die mit geöffneten Schenkeln auf dem Rücken liegt. Es trägt den Titel „Der Todessprung“. Man spricht von „Psychographiken“. Fratzen, Tiermenschen, von teuflischer Kraft irre gewordene Frauen bevölkern Kubins Werk. Es gibt nichts, was in seinem Hirn nicht wuchern könnte. E.T.A. Hoffmann oder Edgar Allan Poe hat er unter vielem anderen illustriert; Schopenhauer und Nietzsche quasi inhaliert.

Natürlich ist da also einerseits der satte Boden seiner Zeit, die gerade erst über die Schwelle von Freud geglitten war. Natürlich waten wir mit Kubin in jenem Düsterreich, das die Tücke allen Begehrens kennt. Trotz dieser symbolischen Durchschaubarkeit, trotz dieses triebhaften Wütens, schaudert es einen noch hundert Jahre nach Erscheinen seines einzigen Romans, wenn darin plötzlich in dunkler Nacht der „Klaps“, ein dürrer Gaul, durch die Straßen jagt – meist dann, wenn Patera seine Anfälle hat. Kubin öffnet die Kluft des Subjekts – aber nie isoliert von gesellschaftlichen Vorgängen.

Bleiben wir kurz bei diesem rätselhaften Traumreich-Schöpfer aus Kubins Roman. Ihn zu treffen, erweist sich für den umgesiedelten Erzähler als äußerst schwierig. Kafka, der Kubin 1911 in Prag traf, hat hier seine Welt gefunden. Sture Wächter verlangen unsägliche Dokumente wie das Schulaustrittszeugnis des Vaters. Auf unendlichen Fluren geht der Erzähler, während eine dunkle Kraft ihn zieht, verloren. Plötzlich aber entdeckt er Patera. Eine Art Super-Chamäleon der Literatur. Anfangs erscheint er dem verwirrten Erzähler wie ein griechischer Gott, vom Fratzentheater ständig verzerrt. Im katastrophischen Finale wächst Patera zum heiß urinierenden, Menschen verdampfenden Berg, der über Leichen stapft. Und mag auch Kubins Dramaturgie ständiger Überbietung bisweilen ermüden, so packen uns bis heute diese kalten Golemszenen.

Fast beginnt man dabei zu vergessen, wer hier berichtet – und von wo. Drei Jahre Traumleben haben dem Erzähler die Identität geraubt. Er schreibt jetzt aus einem Irrenhaus. Unzuverlässige Erzähler hat die Literatur dieser Zeit genug. Auch dieser hier, randständiger Chronist einer kollektiven Talfahrt in die Abgründe der Seele, verführt uns mit der Klarheit des Blicks – und versteht doch längst nicht alles, was er sieht. Er produziert jene Spielfiguren des Fantastischen, die uns reizen und seltsam vertraut erscheinen. Aus welchem Urschlamm gräbt er sie?

Das eigentlich Fantastische an diesem bildgewaltigen 100jährigen Klassiker phantastischer Literatur ist seine unendliche Biegbarkeit: Man kann diesen Roman lesen als subjektive Grenzerfahrung, als brachiale, traumwandlerische Triebentleerung, als Studie über Depression. Man kann ihn freilich lesen als Text seiner Zeit, als Ausdruck jener typischen Jahrhundertwendenerschöpfung durch (zu viel) Zivilisation, in welcher nun der expressionistische Kraftmensch protzt und schwächelt. Dann wieder schwingt reinste Systemkritik mit. Zeigt nicht das Leben der Traumleute die Verführbarkeit durch Ideologie und deren Scheitern?

„Ich will aufgehört haben“, schreibt Kubin in einem Brief an die Schwester 1904. Zugleich kennt er „die Kraft und Zähigkeit des Blutes, das leben will um jeden Preis, tierisch am bloßen Dasein hängt trotz der Qual, welche damit verbunden ist.“ In diesem Spannungsfeld muss sich das Leben Alfred Kubins zur Entstehungszeit des Romans abgespielt haben. Mit zehn erlebt er den Todeskampf der Mutter und sieht, wie der Vater „die lange Leiche der abgezehrten Frau aus dem Bett“ hebt und „damit weinend und wie um Hilfe rufend in der ganzen Wohnung“ herumläuft – ein Gefühlsausbruch, der den Jungen ängstigt. Nun ist er dem Vater ausgesetzt, der den Schulversager verachtet. Früh also bewegt sich Kubin in der „Eisregion einsamsten Grübelns“, die ihn zeitlebens prägt. Seinem Werk ist das Ringen mit Autoritäten, mit Schuld und Scham förmlich eingraviert. Dass er heute wegen seiner Nähe zur Künstlervereinigung „Blaue Reiter“, als Wegbereiter des Surrealismus, als dämonischer Visionär und vor allem Illustrator berühmt ist, mag offenbar jener Fähigkeit geschuldet zu sein, Panik und Plan, Chaos und Ordnung fruchtbar zu kreuzen. Der halluzinatorische Sog, der nach dem Betrachter greift, verliert sich dabei nie.

Alfred Kubins Roman „Die andere Seite“, ebenso zu empfehlen wie die Vertiefung in sein zeichnerisches Werk, hat Suhrkamp jetzt neu aufgelegt, mit Illustrationen von Kubin, aber ohne dessen Selbstbiographie, die alte Ausgaben des Romans noch enthalten. Stattdessen ließ man aber den österreichischen Schriftsteller und Büchnerpreisträger Josef Winkler für ein oszillierendes, an Kubins Leben sich anschmiegendes Nachwort zur Feder greifen.

 

Alfred Kubin: Die andere Seite. Ein phantastischer Roman. Mit 51 Zeichnungen und einem Plan. Mit einem Nachwort von Josef Winkler. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2009, 308 Seiten, 24 €.

 

erschienen in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG,  Januar 2009