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Jun 30 15

Zeruya Shalev: Schmerz

Claus Brunsmann

Seit ihrem ersten Roman „Liebesleben“ (2000) gilt die israelische Schriftstellerin Zeruya Shalev als Spezialistin für die ambivalente Abhängigkeit, die Gefühle und Triebe verursachen können. Die Geschichte über eine junge Frau, die sich fast devot einem älteren Mann hingibt und in der Beziehung verliert, ist in eben jenem manischen Gedankenrausch verfasst, der weitere Romane prägte – jetzt auch den neuen Roman „Schmerz“. Ein punktarmer, geschmeidiger, fließender Stil, der verstört, ärgert, fasziniert – aber selten kalt lässt. Die Erzählstimme ist diesmal ganz bei Iris, einer verheirateten Frau, erfolgreiche Schuldirektorin und Mutter zweier schon fast erwachsener Kinder. Omer, der jüngere, fröhlichere, geht noch zur Schule. Alma, die ältere, verschlossenere Tochter, ist gerade ausgezogen. Zum Ehemann Micki gibt es kaum mehr zärtlichen Kontakt. Die Familie hat sich verändert, seitdem Iris vor zehn Jahren bei einem Terroranschlag verletzt wurde.

Die Vergangenheit rauscht in diese bald atemlos gelebte Gegenwart mit schweren Brocken ungelöster Schuld; eine Lawine, die in Fahrt gerät, als Iris ihre alte Liebe Eikan wiedertrifft: Er ist ihr neuer Therapeut, eine Koryphäe auf dem Gebiet Schmerz. Von ihm gerettet zu werden, liegt so nah wie in einem Arztroman. Und tatsächlich hat auch Eikan eigentlich Iris immer geliebt, obwohl er den Schlussstrich zog. Eine neue Chance? Sie speichert ihn im Handy unter dem Stichwort „Schmerz“ ab, in der vagen Hoffnung, dass der, welcher Schmerz in der Liebe säte, ihn auch wieder wegzaubern kann. Unter hohem Grippefieber wachsen die „Ehebruchsbazillen“ ungehemmt und choreografieren im Erostakt die erste Romanhälfte. Doch Iris befindet sich mit ihrer geheim gehaltenen Affäre nicht nur auf einem Selbstverwirklichungstrip, sondern auf einer erschütternden Reise in die Vergangenheit: Damals war sie die unterstützende Freundin an Eikans Seite, als dessen Mutter starb. Weil Eikan die dunkle Zeit mit Iris verband, beendete er anschließend die Beziehung, „wie man vor dem Todesengel flieht“. Lässt sich darauf aufbauen?

Die dramatische Zuspitzung und Zusammenführung dieser Erzählstränge ist einer der vielen Gründe dafür, dass man den Roman nicht mehr aus der Hand legen kann. Mit zügellosen Assoziations- und Interpretationsketten wühlt er sich aus Iris‘ marterndem Gedankenkarussel heraus und stellt dabei die großen Lebensfragen. Was steht ihr zu – als Frau, als Mutter, als Mensch? Worauf soll sie verzichten, für was büßen? Oder einfach greifen nach dem zentralen Baustein, nach Eikan, um den sich ein neues Lebensgerüst aufbauen ließe? Denn vielleicht war ihr Leben mit Micki von Anfang an falsch.

Die religionsgeschichtliche Dimension dieser schicksalsträchtigen und eben deshalb völlig unkitschigen Beziehungsverschiebungen ist immens. Tora- und Bibelkundig, würde man einige Leitmotive entschlüsseln können. Zeruya Shalev, 1959 in einem Kibbuz am See Genezareth geboren und studierte Bibelwissenschaftlerin, bespielt uralte Themen in diesem großen Roman, an dem sie vier Jahre arbeitete. Wie ein schwerer Bass zieht sich beispielsweise das Motiv der Opferung durch diese Geschichte. Während die Mutter sich leidenschaftlich freiliebt, öffnet sich der Blick immer mal kurz auf die Tochter Alma. Sie scheint in der Stadt, wo sie wohnt, nicht in guter Gesellschaft, vielleicht gar in den Fängen einer Sekte. Die Gewalt hat sich bis in die Beziehungen hineingeschlichen. Sie ist lesbar als Echo auf das Land Israel, auch als Echo sicherlich der eigenen Erfahrung, die Zeruya Shalev im Januar 2004 machen musste, als sie selbst Opfer eines Attentats wurde. Die Gewalt bleibt aber auch erkennbar als grundsätzliches Nebenprodukt ernsthaft gelebter Beziehungen: Wo zu viel Nähe ist, keimt sie lautlos heran. Doch wie Iris, diese suchende, ruhelose Frau, ist auch Alma blind für das ihr zugefügte Leid. Mutter und Tochter, obwohl so verschieden, scheinen einander spiegelbildlich gebaut.

Wie eine Künstlerin übersetzt Shalev diese von allen Seiten sich heranschiebende Düsternis mit großer Weitsicht in kleinste, unscheinbare Handlungen. Eine der wichtigsten Szenen und der erste Streit zwischen Eikan und Iris handelt vom Essen. Iris ist Vegetarierin. Eikan schiebt ihr dennoch per Kuss ein Fleischstück in den Mund, an dem sie würgt, obwohl sie zuvor noch in Erinnerungen schwelgte, wie sie ihre Tochter Alma als Baby fütterte. Das Nährende und Vernichtende, Liebe und Tod, Zärtlichkeit und Übergriffe sind jederzeit als Gegensatzpaare greifbar. In welche Richtung es jeweils kippt, macht die Grundspannung des Romans aus. Und man kann am Ende lange darüber diskutieren, ob hier ein biblisches Drama entfaltet wird oder doch eher eine Bilanz. Weder die eine noch die andere Lesart minderte die obsessive Wucht, mit der hier Themen und Fäden feinst gesponnen und auserzählt werden. Während immer fast zu spät rettende Maßnahmen erdacht werden, lässt sich die Herkunft des Leids bis zu den Wurzeln zurückverfolgen, so, als läge ein großer Fluch auf dem Land, das auch Töchter wie Alma zur Armee schickt. Verlor sie dort ihren Sinn für Freiheit? Entlastend wirken Spekulationen dieser Art immer nur für kurze Zeit. Dann nagt wieder das eigene Gewissen. Und es ist schließlich niemand anderes als Omer, der Sohn, auf den die Armee noch wartet, der klare, deutliche Sätze ohne Wenn und Aber sagt; Erkenntnisse wie von weit her: „Unsere Familie löst sich auf, oder?“.

In einem Interview erklärte die Autorin, warum in ihren Romanen kein Glück von Dauer ist. „Glück ist für Kinder. Erwachsene können nicht wirklich glücklich sein. Sie können für Momente glücklich sein.“ Die Abgründe, die sich danach eröffnen, sind maßlos und tief. Doch wo Gefahr ist, wächst das Rettende bekanntlich auch. Je nachdem, wie man es schließlich definiert. Die vielen Fragen und möglichen Antworten machen diesen neuen Roman Zeruya Shalevs zu einem großen, emotionalen Abenteuer.

Zeruya Shalev: Schmerz. Roman. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Berlin Verlag, Berlin 2015, 320 Seiten, 24 Euro.

erschienen in der STUTTGARTER ZEITUNG, 2015

Jun 30 15

Pierre Bost: Bankrott

Claus Brunsmann

Gute Unternehmerromane zeichnen sich dadurch aus, dass sie beides tun: die Strukturen der Machtapparate ausleuchten; und Charakterstudien liefern. Der französische Autor Pierre Bost (1901-1975), in den zwanziger bis vierziger Jahren äußerst erfolgreicher Autor und Journalist und glücklicherweise gerade wiederzuentdecken, verzaubert überdies noch mit seiner Sprache. Sie klingt auch in der deutschen Übertragung von Rainer Moritz prächtig – nach „Ein Sonntag auf dem Lande“ jetzt in dem Roman „Bankrott“, der 1928 erstmals erschien. Erzählt wird vom Leben des Zuckerfabrikanten Brugnon, ein linkischer, cholerischer 45-Jähriger mit allerlei Marotten und einer ausgesprochenen Neigung zur Grübelei. Oft mit scharfzüngiger Prägnanz und Komik von außen geschildert, lässt er sich betrachten und als Teil eines Systems analysieren, das nur die Starken durchwinkt. Das, was wir heute Burnout nennen würden, zeichnet sich bereits auf der ersten Seite ab: „Der einzige Traum, den er sich eines Tages erfüllen wollte, bestand darin, jeden Morgen an die Arbeit zu gehen, sich eine Pause von einer Stunde zu gönnen, danach weiterzuarbeiten und schließlich sehr spät am Abend damit aufzuhören.“ Zunächst läuft es gut für ihn. Er genießt die Macht und Sitzungen, in denen er die Macht spürt: „Er fühlte sie ganz genau, so wie man seinen Brustkorb spürt, wenn man seine Weste zuknöpft.“ Doch die Liebe verwirrt bald schon seinen klaren Blick. Er verpasst Termine, wird fahrig und zunehmend Opfer seiner Gefühlswelt. So ist es nur eine Frage der Zeit, bis alles in düsterster Apokalypsenstimmung endet. In den Worten Pierre Bosts: „Und der Fluss trieb wie ein Ertrunkener langsam auf ein grauenerregendes Meer zu.“ Anziehend ist diese Prosa, weil sie die emsige Betriebsamkeit einer typischen Arbeitswelt der zwanziger Jahre einfängt, die nicht zuletzt einen neuen Frauentypus hervorgebracht hat – hier verkörpert durch Simone. Brugnon darf sie wohl ins Theater begleiten, mehr aber nicht. Das neue Selbstbewusstsein schlägt ihm hart entgegen. Zugleich wirkt der Roman in seiner expressiven Sprache und den vielen Überforderungsszenen überraschend modern, was ihn zu einer ausgesprochen heutigen Lektüre macht.

Pierre Bost: Bankrott. (Original: Faillite) Roman. Aus dem Französischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Rainer Moritz. Dörlemann Verlag, Berlin 2015. 260 Seiten, 19,90 €.

erschienen in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG, 2015

Jul 30 14

Reportage: Yoga-Wohlfühlurlaub in der Casa el Morisco

Claus Brunsmann

„Weichei“. So das Urteil unserer 16jährigen Tochter. Ich habe ihr ein Foto von ihrem Vater geschickt, wie sie ihn noch nicht kennt: im Lotussitz, die Hände locker auf den Knien, die Handflächen nach oben geöffnet. Die Augen geschlossen, lächelnd. Eine friedliche Szene. Er sitzt auf einem kleinen Kissen in einem achteckigen Tempel, vor ihm ein Teich. Die Kois darin kann man auf dem Foto nicht sehen, aber sie sind zu vermuten. Eine Katze schleicht um uns herum, es duftet süßlich, hinter uns wächst ein märchenhaft fremder Baum, Frangipani, wie ein Etikett verrät, mit fleischigen, glatten Greifästen, die senkrecht aufgestellt sind, die Blüten sind schon zu erkennen, aber noch versenkt in kleinen Mulden an den Astspitzen. Spanien, Benajarafe, was „Sohn des Edlen“ bedeutet, 20 Kilometer östlich von Málaga, Andalusien. Unser erster Tag in der Casa el Morisco, die wir in acht Tagen ganz gegen unseren sonstigen Besichtigungswahn kaum verlassen werden, nur einmal für eine Küstenwanderung, die ein drahtiger 88-Jähriger führt, von dem noch die Rede sein wird. Die Szene fürs Foto ist gestellt, reine Provokation. Mein Mann hat weder Yoga- noch Meditiererfahrung, ich von beidem ein wenig. Ich falle hier nicht auf, eine von etwa 36 Frauen, die in dieser Osterwoche Urlaub im Paradies machen. Der Exot ist – mit drei anderen seiner Spezies – mein Mann. Jeder, der ihn begrüßt, betont sein Mann-Sein und entschuldigt sich danach sofort. Natürlich gilt hier Gleichbehandlung. Aber man freut sich eben doch über Mann. Unsere Heidi-Klum-sozialisierte Tochter hätte ihn lieber im Fitnessstudio gesehen, wenigstens auf dem Crosstrainier, Schwergewichte müssen nicht sein. Aber Yoga?

Der Grund dafür heißt Hie Kim. Wir hatten ihn bei Indigo entdeckt, einem Veranstalter „mit besonderen Reisen für besondere Menschen“, „die sich intensiver spüren möchten“ und „lieber eigenverantwortlich als fremdbestimmt“ leben. Ich googlete eigentlich nur so herum, aber mein Mann klickte das Video an, das Hie Kim als akrobatischen Athleten zeigt – auf, neben und über seiner Yogamatte schwebend, die er mitten in Frankfurt, wo er Yogalehrer ist, vor der Uni ausgerollt hat, um auch diese Klientel anzusprechen, wie er später verrät. Hinter ihm laufen Menschen gehetzt zur Arbeit. Die wenigsten bemerken ihn. Er steht für Sekunden kühn und leicht auf einer Hand, konzentriert, das Bein gestreckt, dann biegt er sich in eine neue Haltung, alles an ihm fließt, und so heißt diese Choreographie auch, „Flow“, wie wir diese Woche von ihm erfahren. „Da will ich hin“, sagt mein Mann, und ich ergreife die Chance, obwohl mich die Performance eher verschreckt.

Die Mittagsblumen schließen sich, das Abendessen, vegetarisch, schmeckt wunderbar. Man kann das Meer sehen, oder in die Küche hineinhören, wo die spanischen Köchinnen bei der Arbeit selbstvergessen singen, zum Radio, das ständig „Macarena“ bringt. Die Anlage geht über drei Terrassen, und manchmal sehen wir Wilfried, den Gründer, der 1993 hier Land kaufte und Gebäude zu den bereits bestehenden dazubaute. „Wir gehören keinem Glauben an, alles ist Leben“, heißt es bei der Begrüßungsrunde in der großen Yogahalle, die noch zwei kleinere Schwesternhallen hat, alle mit dem Schriftzeichen für „om“ versehen. Wir haben sie nicht gezählt, die Buddhas, die überall stehen, versteckt in Nischen oder selbstbewusst präsent, groß und winzig, mit Teelichtern, die abends eine freundliche, stille Kharma-Yogini angezündet hat, die hier Dienst versieht gegen Kost und Logis. Bei jedem Gang entdecken wir etwas Neues. Ein Herz, aus Kieselsteinen gelegt. Eine Schale mit Blüten. Eine Glaskugel, aus der ein Kopf lächelt. Klangrohre in einem Wurzelbaum. Die abgerundeten Steinbänke zieren farbenfrohe Mosaike. Überall laden Liegen oder Hängematten zum Verweilen ein. Wer Lust hat, springt eine Runde Riesentrampolin und danach ins Pool. Zur Dämmerung, wenn die Vögel im Chor singen, als hätten sie sich verabredet, öffnen sich die Pflanzen für eine weitere exzessive Riechrunde. Der Sinnesgarten, erzählt eine Infotafel, ist das Resultat Vieler, die sich mit Ritualen einstimmten, bevor sie ihn planten und verwirklichten. Nachts hört man manchmal mechanisch in regelmäßigem Intervall einen Laut. Ich halte ihn für eine Maschine. Aber es ist das vermutlich einzige zwangsneurotische Wesen hier weit und breit, ein Wiedehopf in der Balz, so Gerhard, der 88-Jährige, von dem noch die Rede sein wird.

Hie Kim ist ein Glücksgriff. Mit jugendlichem Charme und respektvollem Witz treibt er seine kleine Schar – wir sind acht – aus der Komfortzone heraus. Ich kenne Yoga anders und bin darauf gefasst, gefühlte fünf Minuten in das rechte Bein hineinzumeditieren, bevor ich es heben darf, um es dann lange zu halten. Nach dem Absetzen spüre ich normalerweise lange nach: Was hat diese Übung wohl mit mir gemacht? Wie mich verändert? Bei Hie komme ich gar nicht zum Grübeln, und das erweist sich als völlig neue Yoga-Erfahrung. Ich komme nicht mal dazu, mich über den Ehrgeiz meines Mannes lustig zu machen, den Hie ständig bewundern soll. Am dritten Tag ist der „herabschauende Hund“, eine Übung, die uns vorher den Schweiß auf die Stirne trieb, Entspannung pur, nur eine Zwischenstation vor weiteren freiwilligen Selbstquäleinheiten, deren Effekt jedesmal sofort spürbar ist, als, sagen wir, eine Art fröhliche Gestimmtheit. Am fünften Tag will ich den „Flow“, den Hie uns beigebracht hat, in ein tägliches Übungsprogramm zu Hause einbauen, wie Essen und Trinken, in Stille oder zu dem Lied „You Make It Real“ von James Morrison. „Mir“, sagt Hie Kim dazu, „macht das Lied Mut. Du kannst alles schaffen. Wenn du willst.“ Nichts wirkt auswendig gelernt, alles wird begründet, falls man nachfragt. Vieles hält er auch zurück, zum Glück. Dass er sich bei uns dafür bedankt, dass wir ihm vertrauen und er uns etwas beibringen darf, habe ich noch nirgendwo zuvor erlebt.

„Yoga als Spiegel deines Lebens“ heißt das Seminar, zwei Stunden morgens ab acht Uhr vor dem Frühstück, zwei Stunden am späten Nachmittag. Jede Einheit ist anders. Die „Asanas“ genannten Haltungen tragen einprägsame Namen, Kind, Kobra, Hund, Krieger, Taube, Tänzer. Hie drückt mal Schultern in die richtige Position oder verstärkt sachte eine Dehnung. Wir lachen viel, vielleicht aus purer Erschöpfung, oder weil Hie sagt, wir sollen uns vorstellen, wir wären Glühwürmchen, denen nichts wichtiger ist, als den Po mit vorbildlicher Pospannung gen Himmel zu strecken. Klingt albern, aber hilft. Hie Kim achtet sehr genau auf Details. Freundlich klopft er unsere Schultern, wenn es nicht mehr geht und wir eine Pause einlegen. Oder er sagt erstaunliche Sätze in die meditative Anfangs- und Endsequenz. „Du bist alleine in deinem Kopf. Allein ist etwas anderes als einsam. Du kannst froh sein, dass du alleine in deinem Kopf bist.“ Eine Teilnehmerin sagt: „Der hat ein altes Wissen.“

Hie Kim, 28, hat koreanische Wurzeln. Er ist in Hamburg aufgewachsen und unterrichtet seit fünf Jahren Yoga, vor allem den Inside-Stil des Frankfurter Studios gleichen Namens, wo er in einem großen Team arbeitet. Er hat Sport studiert, ist Träger des zweiten Dan im Taekwondo und Mitglied des Taepoong Demoteams. Auch da hat er schon immer gerne Anderen etwas beigebracht. Spielerisch, mit einer blitzenden Freude, die sich überträgt.

In der verbleibenden Zeit unseres „Wohlfühl-Yoga-Urlaubs“ pflegen wir den wohligen Muskelkater und helfen uns gegenseitig in neu gelernte Verdrehungen. Wie fordert man sich, ohne sich zu überfordern? Abendliche Tiefenentspannung nach Eckhart Tolle, angeboten von Marc, tut da gut. Zumindest meinem Mann, der behauptet, als Vogel durch den Raum geflogen zu sein. Danach war er eine Röhre, schließlich ein Schlauchboot. Ich fror. Ab 23 Uhr wird es ruhig in der Casa. Die Weintrink-Fraktion hält noch etwas länger durch, aber gut abgeschottet. Wer kein Seminar gebucht hat wie wir, nutzt das hauseigene tägliche Yogaangebot nebst besonderer Abende wie Mantren singen oder Trommeln. Extra-Wohlfühlen kostet extra. Im Angebot sind Ausflüge zu schönen Orten oder Märkten. Für Massagen verschwindet man zur verabredeten Zeit in eigens dafür freigehaltenen Zimmern namens „Imara“ und „Mudata“, vor denen eine der acht hier lebenden Katzen gerade genüsslich einen Buckel macht, ganz ohne Anleitung. Die hat Yoga im Blut. Bald entdecke ich auch Yogamücken, wie machen die das, so langsam gleiten? Und fällt nicht eines der Blätter der japanischen Mispel, die Früchte wie Mirabellen trägt, herab wie mein wackelnder Arm, wenn er „Krieger 3“ auf einem Bein versucht? Manchmal tropft der Baum. Herbst kennt er nicht. Vermutlich verjüngt er sich sekundlich, wie meine Körperzellen, die ich jetzt miteinander ins Gespräch gebracht habe. Sie können gar nicht mehr still sein.

„Manchmal kommst du nicht weiter, weil Vergangenes an dir klebt. Ein Wunsch-Ich, dass du gerne wärest.“ Hie Kim lässt kleine Pausen zwischen den Wörtern. Sie fallen hinter unsere geschlossenen Augenlider, bevor wir sie öffnen und Übungen zur Beckenöffnung machen. Der Körper lernt jetzt ohne Einflüsterung, aber trotzdem scheint beides miteinander zu tun zu haben, es gibt eine Verbindung zum Geist, aber ich muss sie nicht analysieren. Wie schön. Wo nehme ich die Kraft für den Handstand her, in den mich Hie hineinüberrascht?

Alt werden wie Gerhard, der 88-Jährige, von dem jetzt endlich die Rede sein soll. Gegen Ende der Woche führt er uns einen traumhaften Küstenpfad hoch überm Meer entlang. Es duftet nach Rosmarin. Am alten Wachturm machen wir kurz Pause, und Gerhard erzählt, wie im Mittelalter hier Piraten angriffen. Vor vier Jahren hat Gerhard in der Casa noch eine Ausbildung zum Yogalehrer gemacht. Er wirkt bodenfest, im doppelten Sinn, wenn er beim Wandern wie eine Gemse Tritt fasst, und in dem, was er sagt. Es ist die wertschätzende Haltung allem gegenüber, die einen für ihn einnimmt. Und – Achtung, jetzt kommen große Worte – Demut und Präsenz. Wir entdecken tatsächlich Gemsen. Eine ganze Familie. Sie wechseln gerade ihre Farbe.

 

erschienen im Reiseteil der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG,  Januar 2014

Apr 30 13

Connie Palmen: Logbuch eines unbarmherzigen Todes

Claus Brunsmann

Connie Palmen beginnt 48 Tage nach dem Tod Hans von Mierlos mit ersten Notizen. „Ich wollte einen Roman schreiben, der den Titel Judas tragen sollte – und da starb mein Mann.“ Elf Jahre Leben teilte sie mit dem in den Niederlanden prominenten und beliebten Politiker. Ein paar Monate zuvor heiratete das Paar. Kann man als Außenstehender Zugang finden zur Trauer? Darf man? Wie schreibt man darüber?

Connie Palmen muss es zum zweiten Mal tun. „I.M.“ (1998) schrieb sie nach dem plötzlichen Tod des Journalisten und Talkmasters Ischa Meijer, mit dem sie vier Jahre zusammen war. Ein Buch des Schmerzes, fast ein Liebesroman. So intim manchmal, dass man sich nicht traute, mitzulesen. Jetzt ist das anders, obwohl Connie Palmen auch diesmal ihrer entwaffnend genauen Poetik vertraut. Sie schaut hin. Sie entblößt sich und ihre Hilflosigkeit, ihre Ausflüchte ins Trinken, ihr Verschwinden hinter dem Styx. Abends kochen Freunde mit ihr, morgens zwingt sie sich zur Zeitungslektüre, Rituale geben Struktur in diesem „Meer aus Zeit“. Sie entdeckt, dass sie den Geruch nicht mehr erinnert. Im Auto herumgefahren zu werden beruhigt. Das Leiden sieht sie als Tribut für diese Liebe, dieses Glück. Wenn nachts ein Gewitterschlag kommt und niemand da ist zum Anklammern, ist sie tapferer als sonst. Ungerufen ist die Erinnerung immer schon da. „‚Das ist großes Wetter‘, sagt er beruhigend, mit einer Stimmer, in der noch etwas Nacht klingt.“ Sie vergleicht den einen mit dem anderen Tod, den brüsken von „I.M.“, der „eine monatelang anhaltende Erschütterung“ auslöst, und den Tod nach langer Krankheit, wo „die Trauer im Leben“ einsetzt. Sie erwacht anders als beim ersten Tod.

Und doch ist „Logbuch eines unbarmherzigen Jahres“ anders als „I.M.“. Es ist kein vom Schmerz gezeichneter Liebesroman, keine Litanei, auch kein Denkmal für Hans von Mierlo, die öffentliche Person. Palmens Buch drängt sich nicht auf, obwohl es so viel Gefühl enthält. Es nimmt sich aber auch nicht zurück, sondern rückt einen auf den Leib, gerade so nah, wie jeder es für sich verkraften mag. Es wird in seinem Protokollton, in seinen wie Fallbeile in diesem unbarmherzigen Jahr hereinbrechenden Todesnachrichten, zur „Chronik der Trauer“, die zugleich auf eine seltsame Art eine Chronik des Lebens ist.

Kurz nach Hans von Mierlo stirbt dessen Schwester. Dann Palmens Graphiker. Der Autor Harry Mulisch. Anna Keel, die Frau des Diogenes-Verlegers Daniel Keel, und ein Jahr darauf dieser selbst. Auch eine Großtante. „Wir stehen alle an, Kind“, sagt Connie Palmens Mutter, als sie die Nachricht überbringt. Es stirbt auch Marie, die Tochter Hans von Mierlos, ein Jahr nach dem Vater, mit 45 Jahren. Zu ihr hat Connie Palmen eine enge Beziehung, auch der Leser, der sie durch dieses Buch noch begleitet. Dieser Tod wiegt am schwersten, falls das messbar ist.

Die Momentaufnahmen, die Connie Palmen in diesem unglaublichen Trauermarsch zusammenträgt, verändern sich ständig. Schonungslos tastet sie dieses Jahr ab; seine Gegenwart, in der es keinen Halt gibt; seine Vergangenheit, die immer wieder hineinstrahlt wie aus einer anderen Zeit – durch Einschübe von älteren Einträgen und Reflexionen über den Tod; auch Hans von Mierlo, der anders wahrnahm durch Tagebuchschreiben, kommt zu Wort. Man muss schon auf die Jahreszahl achten, um die so gegenwärtig klingenden Passagen von der Tagesnotiz scheiden zu können. Hinter der persönlichen Verlusterfahrung macht Connie Palmen das Erleben Anderer sichtbar. Das sind viele Gründe, warum ihr Buch eines für viele werden kann, warum es sogar ein seltsam befreiendes Buch ist. Connie Palmen war schon immer eine ausgesucht Lesende, die einen an ihren Funden teilhaben lässt. Auch jetzt prüft sie Texte, die das Ungreifbare in eine Form bringen. In der Literatur bilden sie längst eine eigene Textfamilie: Roland Barthes „Tagebuch der Trauer“ oder Anne Philipes „Nur einen Seufzer lang“. P.F. Thomése schreibt in „Schattenkind“: „Es gibt nur noch Wörter, die mit Un- und Ent- anfangen, also Wörter, die sich von etwas zu lösen, die etwas nicht zu sagen versuchen.“ Joyce Carol Oates schreibt, sie halte sich aufrecht als „öffentliche Person“, als „Kunstfigur“, die der Beruf ihr beschert. Immer die gleiche Geschichte, immer anders erzählt. Connie Palmen war auf der Suche nach einem Klagelied, aber „man braucht fast biblische Wörter, um das zu beschreiben“, so weit weg ist diese Möglichkeit des Ausdrucks, des Lamentierens, sagt sie in einem Interview. In welcher Form? Dem Tagebuch misstraut sie. Die Vorstellung von einem Logbuch ist ihr lieber. Ein Logbuch verpflichtet zum Schreiben, denn es kann als Beweismittel wichtig sein. Man tut etwas, man tut nicht nichts, und man tut es unter dem Vorwand, es nicht zu veröffentlichen. Dass sie ihr Buch dabei aus der Form gehen lässt, es hierhin und dorthin wachsen lässt, ist notwendig. Connie Palmen nimmt die Trauer von allen Seiten in den Blick. Sie zeichnet auf, wie sie sich entwickelt, wiederholt, verändert; wie sie verschließt und vor allem öffnet. Ihr Sprechen über die Trauer ist eine Gratwanderung, die sich bedingungslos allem öffnet. Fast. Denn es heißt ja auch: „Ich weiß, das man mehr nicht aufschreibt.“ Dazwischen, dahinter ist Connie Palmens bewegender Bericht verortet.

 

Connie Palmen: Logbuch eines unbarmherzigen Jahres. Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers. (Original: 2011) Diogenes Verlag, Zürich 2013. 265 Seiten, 21,90 €.

erschienen in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG, 2013

Mrz 30 13

Jonas Lüscher: Völlig pleite zwischen Kamelen

Claus Brunsmann

Kamele sind bemitleidenswerte Tiere. Kürzlich hatte es ein Kamel in die Schlagzeilen geschafft, als der französische Präsident François Hollande ein solches, als Gastgeschenk erhalten, wegen seiner vielen Termine nicht selbst betreuen konnte. Er parkte es deshalb bei einer Familie, die das Kamel schlachtete, was so nicht beabsichtigt war.

Kamele bebildern auch Jonas Lüschers hinreißend altmodisch erzählte Novelle Frühling der Barbaren. Man erwähnt sie beispielsweise als berberisches Hochzeitsmahl, gebraten, gefüllt und mit Couscous serviert. Das Kamel verbreitet Lokalkolorit, mehr nicht. Lüscher wollte ja keine Kamelstudie schreiben, sondern etwas über die Finanzkrise in Zeiten der Globalisierung mitteilen. Wie ist das, wenn sich ein Schweizer Unternehmer, der sich mehr für die Antike als für Maschinen interessiert, in Tunesien seinen Zuliefererbetrieb anschaut? Wenn er eben dort nur Kamele sieht?

Preising heißt der Unternehmensspross, der im Mittelpunkt des Geschehens steht. Er dürfte mittleren Alters sein und hat einfach Glück gehabt: Das ererbte, desolate Familienunternehmen machte ein guter Angestellter für ihn wieder flott, weshalb er als Inhaber einer weltweit agierenden BH-Bügelfabrik nun gut verdient, am Tag genauso viel, wie ein Kameltreiber in Tieren gerechnet sein Eigen nennt.

Als Preising auf seiner Reise einmal miterlebt, wie ein Reisebus in Kamele rast und die Existenz des Tunesiers zerstört, will er eigentlich Geld transferieren und helfen. Aber er denkt zu lange nach, und die Fahrt geht schon weiter: „In getrübter Stimmung ließ er sich von dem gestrandeten Reisebus, den toten Kamelen und ihrem unglücklichen Besitzer, dessen Schicksal ihn noch sehr bewegte, fortchauffieren. Bald aber tauchten die ausgedehnten Dattelplantagen der Oase Tschub vor ihm auf. Der Wüstenwind ließ die dunkelgrünen Wipfel erzittern, und aus der Ferne sah es aus, als kräuselten sich die Wellen auf der Oberfläche eines kühlen Sees.“

Das Geld sitzt locker

Preisings Erzählung über seinen Aufenthalt in Tunesien kommt in Fahrt, als er die hübsche, tunesische Geschäftsführerin erwähnt. Eigentlich hat sie keine Zeit für den Gast aus der Schweiz. Sie nimmt ihn deshalb mit in ein luxuriöses Wellness-Resort mitten in der Wüste. Saida, so heißt sie, muss hier zwischen Pool und Palmen eine Hochzeit organisieren, für junge, karrierebewusste, spaßbereite Banker, die eigens aus London angereist sind. Das Geld sitzt locker. Man geizt nicht, man zeigt schöne, unverschämt jugendliche Körper und ausgelassene Sorglosigkeit.

Niemand ahnt, dass jenseits der Wellness-Oase, weit weg in der britischen Großstadt, das bequem ererbte oder eisern verdiente, sich sodann jedenfalls wie von selbst vermehrende Geld gerade eine Talfahrt sondergleichen erlebt: England geht bankrott. Die Nachricht trifft die Hochzeitsgesellschaft noch vor dem Ringtausch. Prompt sind ihre Konten leer und aller Luxus gekappt. Frühling der Barbaren endet tatsächlich barbarisch. Mehr sei hier nicht verraten.

Preising ist ein wunderbarer Erzähler, der die Kunst der Abschweifung elegant beherrscht. Man möchte ihn schütteln, weil er nie handelt, weil er gar nicht handeln kann. Ständig wird er wieder weggezogen von den Orten, an denen es etwas zu tun gäbe. Und überhaupt begeistert er sich viel zu sehr für nebensächliche Details. Darüber offenbar lebensuntauglich geworden, hält er sich deshalb derzeit in einer Psychiatrie auf. Von seinem Erlebnis in Tunesien hat er sich aber noch nicht so ganz erholt. Oder ist es trotz der vielen Toten, die es am Ende gibt, längst Nebensache, beziehungsweise: nur eine schöne Erzählung?

Diese teilt er nun seinem neuen Bekannten mit, dem zweiten Ich-Erzähler, den Lüscher in seinem ausgeklügelten Gesellschaftspanoptikum installiert. Man spaziert zwischen den Mauern durch den Park. Man redet. Beziehungsweise: Preising redet. Der andere bremst und nordet ihn. Ein irres pas-de-deux ist das, wie es einst Thomas Bernhard in Gehen durchhielt. Genauso konsequent hält auch Jonas Lüscher die Form. Kleine Sticheleien hier, eine Andeutung dort. Was andere Autoren zu Romanen aufbauschen, sagt er in einem Absatz. „Doch in unserer Unfähigkeit, uns als Handelnde zu verstehen, waren wir uns gleich, Preising und ich. Ihm gelang es, diesen offensichtlichen Mangel als Tugend zu verstehen. Ich dagegen leide sehr darunter. Aber etwas daran zu ändern, hieße zu handeln.“ So knapp, so fokussiert kann man Depression und ihre unterschiedlichen Spielarten fassen.

Jonas Lüscher, 1976 in der Schweiz geboren, eigentlich reisefreudig, war selbst nie in Tunesien. Das ist auch egal, seine kluge, unterhaltsame Novelle, die auf engstem Raum das Scheitern des Geldkreislaufs beschreibt, hätte auch in jedem anderen künstlich erschaffenen Touristenort spielen können. Lüscher, ausgebildeter Lehrer, schreibt derzeit an seiner Doktorarbeit in Philosophie. Darüber, dass Erzählungen uns mehr sagen können als Computerprogramme.

Kinderarbeit kennt er

Sein eigenes Büchlein, sein erstes, ist dafür jedenfalls beispielhaft. Es ist überzeugend stringent gebaut und verrät viel über die Wirkmacht des Geldes auf den Charakter des Menschen und die Abhängigkeitsverhältnisse, in die er gerät. Preising, dieser ohnmächtig von den Ereignissen herumgestoßene Mann, überlebt in ummauerten, geschlossenen Orten.

Dass Lüscher seine Erzählerfiguren in der Beobachterrolle lässt, dass er sie strikt nicht handeln lässt, ist vielleicht die konsequenteste Art, die Krise in Literatur zu übersetzen. Preising ist freundlich und zugewandt, aber blind für die tunesischen Arbeitsbedingungen, für die undurchsichtigen Verschiebungen seines großen Geldes. Von Kinderarbeit hat er zwar schon gehört. Aber es wird ihm als „das kleinere Übel“ nahegebracht, weshalb er nicht weiter darüber nachdenkt. Wie gesagt: Kamele bannen ihn. Erst später die schuftenden Kinder. Da ist aber alles längst zu spät.

Romane über die Finanzkrise türmen sich zwar immer noch nicht. Aber man kann doch wählen. Da gibt es Rainald Goetz‘ Johann Holtrop, der gnadenlos zwischen Zahlen, Gehältern und unkontrollierbaren Unzufriedenheiten aller vom Geldrausch verdreckten Menschen hinabrauscht. Kristof Magnusson versuchte sich an einem jungen Helden in New York, der, weil es so verführerisch einfach ging, mal eben die Bank dort um Billionenbeträge erleichterte (Das war ich nicht, 2011). Nora Bossong studiert die Gesellschaft mit beschränkter Haftung (2012) aus dem Blick einer Unternehmerin. Und es fielen einem noch andere ein. So knapp, so schlicht, so betörend einfach wie Jonas Lüscher hat es bislang aber noch niemand auf den Punkt gebracht.

 

Erschienen auf ZEIT ONLINE, 14.05.2013

Apr 30 12

Patrick Roth: Sunrise. Das Buch Joseph

Claus Brunsmann

Auf den ersten Blick ist dieser Roman eine Zumutung. Entweder also, man flüchtet. Oder man duckt sich in diese Sprache hinein, schmeckt ihr nach, lässt sich öffnen und in Erwartung versetzen durch die Verzögerung, mit der hier allein durch das Zurückhalten des sinnstiftenden Wortes jeder Satz quasi erst im Rückwärtsgang verstanden werden kann. Patrick Roth liebt Platon, Pindar, die griechische Syntax, die einen warten lässt auf das Genitivattribut. Er schätzt das damit einhergehende Gefühl einer existentiellen Feierlichkeit, die Abgründe ausleuchtet. Und so ist das, was er jetzt selbst für sein Buch über Joseph, den Ziehvater Jesu, mit diesem hohen Ton, mit dieser biblischen Sprache und ihren psalmischen, wuchtigen, fleischigen Szenen anstellt, eigentlich gar nicht so überraschend. Hat man sich einmal darauf eingelassen, spürt man den radikalen Ernst, der den Stoff trägt. Die Lektüre fordert, überfordert, lässt rätseln und entschlüsseln und erneut rätseln und fesselt zunehmend, weil mit jedem errungenen Wissen in dieser metaphysisch organisierten Welt ein neuer, spitzer Splitter platziert wird, mit jeder Antwort eine neue, widerspenstige Disharmonie. Jedes Kapitel ist ein Gang durch Leben und Tod, mit Opferblut geschwärzt, mit Flügelschlag geweiht. Also: nur Mut zur Versenkung in diesen so anderen Erzählkosmos.

Patrick Roth, 1953 in Freiburg geboren und seit 1975 in Los Angeles lebend, Drehbuchschreiber, Autor von Prosa, Theaterstücken, Hörspielen, ist in der deutschsprachigen Literaturlandschaft ein Solitär. Seine Affinität zu religiösen Stoffen ist vielen der Leser, die etwa sein Buch über Charlie Chaplin liebten, eher suspekt. Nach der Christus-Trilogie „Riverside“ (1991), „Johnny Shines“ (1993), „Corpus Christi“ (1996), alles schmalere Bücher, macht er jetzt in seinem bisher längsten Roman „Sunrise. Das Buch Joseph“ eine biblische Randfigur zum Helden. Joseph kennt man ja eher als den Mann im Hintergrund. In der Heiligen Familie spielt er als Nährvater und Beschützer eine Rolle. An der Wiege darf er die Laterne halten. Klaglos verzichtet er nach Kenntnisnahme von Marias Schwangerschaft auf den männlichen Ehrenstandpunkt und die genealogische Fortsetzung seiner Linie. Was die Evangelisten übermitteln, sind seine Träume, kaum Fakten.

Hier setzt der an C.G. Jungs Lehre von der Archetypie alles Geträumten geschulte Patrick Roth an. Er zeigt einen hochmodernen Joseph, der nicht nur fähig ist, Träume zu empfangen und zu erinnern, sondern ihre krasse Bildsprache, ihren schier unmenschlichen Auftrag auszuhalten, sogar in eine Handlung zu überführen. Er hört dem 12jährigen Jesus geduldig zu, als dieser ihm nach der bekannten Szene im Tempel von einem Traum erzählt. Er hakt nach, spekuliert, lässt Raum. Was für ein zugewandter Vater! Maria steht in dieser Kleinfamilie eher am Rande. Das Reden und Zuhören ist nicht ihr Terrain.

Gerade die Rolle als ahnender Mensch wird für Joseph aber zur eigentlichen Zumutung. Sie fordert ihn als Empathiker, als Zweifelnden, der jede Nuance Angst bis ins Mark spürt. Der Vorgang des Deutens wächst zu einem komplexen Ungetüm mit tausend Köpfen und Stimmen heran. Und so wird der Roman schließlich zu einem Netzwerk aus Zeichen. Fundamentale Gegenstände, die eine ganz eigene Geschichte erzählen, wie das Seil oder das Tuch, spielen eine wichtige leitmotivische Rolle. Das eigentlich Faszinierende aber sind die Räume, die Patrick Roth hier baut und die wir mit Joseph durchtaumeln: brennende Häuser, würgend enge Felsspalten, schier unendliche Wüsten, eine vertrocknete Zisterne, aus der Ähren wachsen. Füchse erscheinen, schauen kurz auf und trollen sich wieder. Verbunden ist das mit einer sich stark vermittelnden, körperlichen Verfasstheit. Joseph muss sich im Traum krümmen, um am Boden liegende Scherben zu entziffern. Er kriecht, er verstummt, er erblindet. Und sehr oft trägt er schwere Lasten: einen verwundeten Sklaven, der eine wichtige Rolle spielen wird; Maria, für die er den geretteten Sklaven ablegen muss. Joseph ist beladen, an der Wende seines Lebens wie tot, am Ende dieser Odyssee aber leicht wie ein Engel.

Das ist zunächst einmal also eine vertraute biblische Konstellation: Joseph als der bloße Mensch, der Gottes Plan und seine Orakel zu durchschauen versucht. Und Gott, der diesen Menschen bis aufs Messer prüft – keiner kann vom Anderen lassen. Roth erzählt also Josephs Individuation unter einem die Transzendenz zulassenden Blickwinkel. Schon das gilt ja in der gegenwärtigen Literatur nicht gerade als Trend. Und natürlich denkt man an einen anderen großen Monolithen der Literaturgeschichte, Thomas Manns monumentalen Vierbänder „Joseph und seine Brüder“ über den anderen Joseph, den jüngsten Sohn Jaakobs. Motive überschneiden sich. Und auch Roths Komposition ist als großes Beziehungsgeflecht angelegt. Beide Werke sind als moderne Auslegung von Mythologie zu lesen und verlängern alttestamentarisches Material in die Zukunft. Während aber Thomas Manns Figur mehr Intellektueller ist, wirkt der Rothsche Joseph im innersten Kern zerrieben und durchkreuzt. Um diesen nackten Helden zu spiegeln und vorzuführen, schmückt Roth aus und erfindet. Er verdichtet, beraubt die Bibel, tauscht einfach Namen und bekannte Geschichten aus und lässt sie Joseph zustoßen. So soll er beispielsweise Jesus opfern – wie in der Bibel Abraham seinen Sohn Isaak. Nicht Wissen, sondern Erfahrung läutert hier. Ergibt das Sinn?

Roth, für sein filmisches Erzählen bekannt, mischt alles zu einer archaischen Abenteuergeschichte mit historischen Orten, mit Schnitten, Rückblenden und wechselnd scharfen Perspektiven auf das bisweilen sehr handfeste und blutige Geschehen. Es beginnt in Jerusalem 70 Jahre nach Christi Geburt. Die Stadt, von römischen Truppen belagert, ist im Ausnahmezustand, jeder seines Nächsten Feind. Hungernde klauben letzte Reste aus den Mündern Verstorbener. Tote säumen die Hänge des Kidrontals. Wir begleiten Männer, die sich in diese irdische Hölle eingeschleust haben, um das Grab Jesu‘ zu suchen und zu schützen. Stattdessen treffen sie auf Neith, eine alte Frau und Weberin. In der Mythologie wird sie mit der Jagd und Wasser in Verbindung gebracht; hier erlebt man sie als begnadete Erzählerin. Wie sie ihre Stimme erhebt, ist von einschüchternder Prägnanz, und was sie zu berichten hat über Joseph, ihren Herrn, ist so ganz anders als alles, was die historische Figur preisgibt.

Neith zufolge hatte Joseph vor Maria schon mal Frau und Sohn, gleichfalls mit Namen Jesus. Bei einem Sturm glitt der damals einjährige Jesus seinem Vater Joseph aus der Hand ins Wasser. Joseph taucht hinterher, und bereits hier beginnt Roths großer Bildersturm, seine steile Hinabfahrt in den Orkus. Im Grunde kennt dieses Buch zwei große Bewegungen: das Fallen und das Steigen. So teilt Roth auch seine Kapitel ein, in „Die Bücher des Abstiegs“ und „Die Bücher des Aufstiegs“. Die Symmetrie ist hier Prinzip. Außerdem die Wiederkehr. Alles muss zweimal erlebt und erfahren werden, als bildete sich Lebensweisheit überhaupt erst beim zweiten Versuch, mit dem Wissen der Möglichkeit des Scheiterns. Kleinste, intuitive Handlungen haben unermessliche Wirkungen. Übermenschliches wird mit Kleistscher Ohnmacht quittiert, Rollen werden umgeschrieben. Und auch die Ägypterin Neith, diese ewige Erzählerin, ist eine ganz Andere als die, für die man sie lange hält. Man muss das nicht alles unterstreichen bis in die letzte Konsequenz, die Joseph mit seinem Zugang zum Unbewussten und seinen Heilserfahrungen irgendwo zwischen Mensch und Gott verortet. Aber man kann sich schon dieser aufgeladenen Sprache ergeben, als Experiment.

Diese durchrhythmisierte Sprache ist vergleichbar den Psalmen, die bis heute irritieren und keinen Rost angesetzt haben. Man durchläuft Roths Roman wie ein verwildertes, verdörrendes Land, an dessen Oberfläche Schlachten wüten und in dessen Gräben sich Eingänge zu Höhlen befinden, die man nur mit Begleitschutz betreten mag. Mitten drin Joseph und seine Träume, Szenen wie aus uralten Märchen, die sich in dieses Leben eindrücken und Erhebungen hinterlassen: „Und wie Mehl und Brot riecht`s am Gewande des blinden Alten, als Joseph sich abwendet im Traum“. Da gibt es nahezu Heideggersche Sequenzen (er „sah sie anwesen, die Bilder“); Verben werden vorgezogen und gewinnen so an Kraft („denn es rieben rauh an der Haut ihm die Stricke“); Bedeutungen changieren, wenn nur ein Buchstabe ausgetauscht wird („aufgehoben, ausgehoben“); es gibt, wie in Psalmen auch, wunderbare, vergangene, aufgeladene Worte mit Klang („eine Tracht Holz“). Es scheint, selbst die Syntax hat eine Art Wissen und stellt viel zu früh Informationen bereit, die erst im Draufblick auf die Gesamtkomposition verlinkt werden können. Gehalten wird diese Komposition durch Roths beherzten Zugriff auf alles, was auch Filme spannend macht: Raubüberfälle, Gewaltszenen, das Zaudern und Verschmerzen davor und danach. Ein Angriff etwa liest sich dann so: „Aus der Hocke heraus springt er hoch. Und wild drängt nach hinten. Vorm Herankommenden weicht er, fällt auf den Boden, staucht blind, unterdrückt einen Schrei.“ Dann zieht es einen wieder weiter, mit Satzkaskaden, alle durch ein „und“ miteinander verknüpft, als wären Josephs Erlebnisse zugleich historisch und ewig, als müsste es immer so weitergehen im Zwischentraumreich. Ein Strudel, der hinabzieht und einen wieder an die ganz banale Oberfläche des Alltags heraufspült.

Was also macht Patrick Roth aus Joseph? Womöglich genau das, was Albrecht Koschorke in seinem klugen Buch über „Die Heilige Familie und ihre Folgen“ herausarbeitet. Dieser sieht Joseph an der Schnittstelle zwischen Judentum und Christentum: Mit ihm werde die irdische Reihenfolge gekappt und Raum geschaffen für himmlische Genealogien. Außerdem reiße eine bestimmte Form von Lesbarkeit ab „zugunsten der Auferstehung des Sinns. Von nun an werden zentrale Instanzen nur noch in der Form der Doppelung kulturell verfügbar sein: der Vater (Joseph/Gott); der Mann (leiblicher Ausschluss/himmlische Ergießung); der Phallus (als Samen-/als Wortkanal); der Ursprung (durch Blutsverwandtschaft/spirituell“). Bei Roth kommt das alles irgendwie vor. Es zu ergründen bleibt Aufgabe der Literaturwissenschaftler oder Theologen. Für normal sterbliche Leser tritt einem Joseph als der große Aushalter entgegen, dessen Leben mit der Verkündigung umgewälzt und durchwalkt wird. Das leuchtet ein und reißt mit.

 

Patrick Roth: Sunrise. Das Buch Joseph. Wallstein Verlag, Göttingen 2012. 510 Seiten, 24,90 €.

 

 

erschienen in der  FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG, 2012

Feb 2 12

Christine Lavant: Das Wechselbälgchen

Claus Brunsmann

Ein vor Jahren erschienenes Postkartenbuch zeigt die österreichische Schriftstellerin und Künstlerin Christine Lavant in verschiedenen Zusammenhängen. Man sieht die 1915 in Kärnten geborene Dichterin oft mit einem Kopftuch und tiefen Augenringen, die der mit ihr befreundete Künstler Werner Berg in einem Holzschnitt extra betonte, so dass Christine Lavant darauf fast so gespenstisch aussieht wie eine Figur von Edvard Munch. Am eindrucksvollstens aber ist eine Fotografie, auf der sie gar nicht zu sehen ist, nur ihr Schlaf- und Arbeitsraum im Hause der Freundin, bei der sie immer wieder wohnte, wenn sie nicht gerade im Krankenheim war. Man sieht ihr mit einer Wolldecke überworfenes Bett, auf dem Nachttisch eine große Packung der Zigarettenmarke, die sie rauchte, Bücher und eine einstielige Blume – und im Vordergrund eine große Schale, in der Strickzeug liegt. Wenn man weiß, dass Christine Lavant ihren Lebensunterhalt mit Stricken zu verdienen versuchte, erhält diese Strickarbeit im Zentrum des Bildes eine besondere Bedeutung. Und als sie dann mit Preisen gewürdigt wurde – unter anderem erhielt sie 1954 den Georg-Trakl-Preis und 1970 den Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur – war das Stricken gleichwohl Symbol für das eiserne Ringen einer Autorin, die immer wieder vergessen zu werden droht.

Bei Suhrkamp konnte man Christine Lavant, geborene Thonhauser, 1987 mit Gedichten entdecken. Thomas Bernhard zeichnete als Herausgeber, der schrieb: „Es ist das elementare Zeugnis eines von allen guten Geistern mißbrauchten Menschen als große Dichtung, die in der Welt noch nicht so, wie sie es verdient, bekannt ist.“ Er meinte wohl die Armut, auch ein Leben mit Krankheiten, welche die Autorin begleiteten – Skrofeln, Lungentuberkolose, eine Mittelohrentzündung, worunter sie fast erblindete und ertaubte. Er muss aber auch die eigenwillige Sprache im Blick gehabt haben, Zeilen wie diese: „Während ich, Betrübte, schreibe, / funkelt in der Vollmondscheibe / jenes Wort, das ich betrachte, / seit die Taube mich verlachte, / weil ich aus dem Wasserspiegel / ohne Namen, ohne Siegel / in die Einschicht trat. / Wäre nicht die Saat / der Betrachtung groß geworden, / müßt ich Mond und Taube morden, / die mich ständig überlisten / und in meinem Schlafbaum nisten, / der davon verdorrt.“

Der Salzburger Otto-Müller-Verlag brachte einiges heraus. Inzwischen kümmert sich der Göttinger Wallstein Verlag um den Nachlass der 1973 gestorbenen Autorin und startet mit einem ersten Band, der die Lyrikerin als kraftvolle Erzählerin entdecken lässt: „Das Wechselbälgchen“ muss um 1945 entstanden sein und wurde erst 1997 im Archiv entdeckt, 1998 erstpubliziert. Die Ausgabe ist seit längerem vergriffen. Nun gibt es eine kommentierte Neuausgabe der Erzählung: Eine archaische, aus dem kargen Kärnten herausgemeißelte Parabel über das traurige Schicksal von Zitha, einem geistig zurückgebliebenen Mädchen, das uneheliche Kind einer Bauernmagd, die im katholischen und abergläubischen Milieu nicht Fuß fassen kann.

Die Erzählung führt tief hinein ins abgeschottete Lavanttal, das im selbst gewählten „Decknamen“ der Autorin anklingt. Als eines von neun Kindern, von denen zwei früh starben, wuchs Christine Lavant hier auf, der Sonne wegen oft gelagert auf dem Fensterbrett, von wo sie alle Gespräche verfolgen konnte. Die Mutter war im Dorf eine Art „Beichtiger“, wie Lavant schreibt. Man lud alle Probleme bei ihr ab, und sie „verwandelte“ alles mit einer „strahlenden, fast übermütigen Demut“. Diese Erfahrung, außerdem das eigene Kranksein mögen Christine Lavant inspiriert haben, das ganz andere Schicksal der einäugigen Bauernmagd Wrga und ihres hinterm Ofen hausenden, abgeschobenen, schwachen Kindes literarisch zu formen. Es schlägt einem dunkel entgegen wie eine uralte Sage, mit stark überzeichnetem Personal, dem Knecht „von den gläsernen Grenzbergen“ aus dem slowenischen Teil Kärntens, der in fremder Sprache flucht und immer einen Abwehrspruch auf den Lippen hat; mit der Magd, die hellauf lacht, bis man ihre „Schelchzähne“ sehen kann. Lavant nutzt Dialekt ebenso wie fremdklingende Wörter, „Saukaschpel“ für Schweinetrank oder die „Truta-Mora“ für den weiblichen Druckgeist, der sich nachts auf die Brust der Schlafenden setzt und den Atem nimmt. Und so entsteht aus diesen Elementen eine magische, irrationale, dörfliche Kapsel mit eigenen, gnadenlosen Gesetzen. Man kann diese Erzählung, wie Klaus Amann im Nachwort schreibt, als „Parabel über die Besessenheit“, die Vernichtung ‚unwerten‘ Lebens im Nationalsozialismus, lesen. Sie wirkt zugleich zeitlos und rau, sehr direkt, stringent komponiert und entwickelt einen sonderbaren Sog.

 

Christine Lavant: Das Wechselbälgchen. Erzählung. Neu herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Klaus Amann. Wallstein Verlag, Göttingen 2012. 104 Seiten, 16,90 €.

 

erschienen in der  FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG, 2012

Jun 3 11

Paula Fox: Woraus wir gemacht sind, ist bloß geliehen

Claus Brunsmann

Ihre Erzählungen sind Forschungsreisen in den Kontinent menschlicher Schwächen, ihre Biographie ist ein ergreifendes Dokument von Verlust und Tapferkeit: Zwei neue Bücher spiegeln die Größe der amerikanischen Autorin Paula Fox.
Ein Mann erhält nach Jahren Kontaktstille einen Brief von einem ehemaligen Schulfreund. Er antwortet ihm. Und weil sich oft erst beim Briefeschreiben ein Abgrund öffnet, schildert er dem Freund nicht einfach nur seinen Tag, sondern auch die quälende Stille nach der Arbeit. „Dann lausche ich meinen eigenen kleinen Geräuschen. Ich spiele mit der Kappe meines Füllers, schließe eine Schublade, lasse eine Büroklammer fallen und hebe sie nicht wieder auf.“ Schon liegt er da, der unscheinbare Gegenstand, in dem sich die Melancholie dieser Prosa verfängt. Erst später fällt sie ei- nem wieder ein, diese auf den Boden gefallene Büroklammer.
Vergessen, verlassen, versetzt zu wer- den ist eine Grunderfahrung im Leben der heute achtundachtzigjährigen amerikanischen Schriftstellerin Paula Fox. Den ersten scharfen Schnitt machen die El- tern schon wenige Tage nach der Geburt. Sie geben ihre Tochter in ein Heim für Findelkinder. Die Mutter ist zwanzig. Der achtundzwanzig Jahre alte Vater, ein Cousin des Schauspielers Douglas Fairbanks, schreibt mit wenig Erfolg Drehbücher und Theaterstücke. Aus dem Nichts tauchen sie immer mal wieder bei der Tochter auf und verschwinden jäh; Lebemenschen mit wenig Geld, sprunghaft, angezogen von Hollywood und der Künstlerszene New Yorks. Mit sieben wohnt Paula mit der spanischen Großmutter in „schuh- schachtelgroßen“ Wohnungen. Als sie elf ist, holen die Eltern Paula zu sich, reisen aber bald wieder ab und lassen sie bei der Haushälterin. Mit fünfzehn – das Paar ist inzwischen getrennt – quartiert sie der Va- ter allein in einer Wohnung in New York ein. Es folgen Internat, wechselnde Orte und Bezugspersonen. Der Vater bleibt ihr als Regelbrecher mit Charme im Gedächtnis, die Mutter als harsch. Die Ablehnung, unterbrochen von halbherzigen Ver- suchen, die Tochter in den chaotischen Alltag zu integrieren, ist das offene Rätsel des Lebens der Paula Fox. Die Mutter nennt keinen Grund – außer diesen: Sie habe schon vorher öfters abgetrieben, die- se Schwangerschaft aber zu spät bemerkt. Sätze wie aus Albträumen, deren Inhalt man nicht klar zu sehen wagt.
Kalifornien, Kuba, Florida, Montréal sind nur einige Stationen dieser Odyssee. Beziehungen, die in Brüche gehen. Und eine frühe Schwangerschaft – Paula Fox gibt als sehr junge Mutter selbst ihre älteste Tochter zur Adoption frei. Es gibt aller- dings eine stete Zeit in diesem unruhigen Leben, ein Boden unter den Füßen, der für einige Jahre betretbar scheint: „Onkel Elwood“. Der Geistliche nimmt Paula mit fünf Monaten bei sich auf, liest ihr vor, gibt ihr Halt und Sprache – das „in allem Ernst gesprochene Wort“. Mit ihm lässt Paula Fox auch ihre Geschichten einer Jutentielle Schwere, die Paula Fox ihnen ein- gibt, wenn sie im richtigen Moment schließt, eine Büroklammer fallen lässt oder Dialoge und Gesten so arrangiert, dass man die große Störung hinter den vielen kleinen irritierenden Alltagshandlungen aufbrechen sieht – „das Sichtbare und das Unsichtbare“, wie Bernadette Conrad in ihrem Nachwort schreibt.
Die besten Erzählungen aber betonen den Rang dieser großen amerikanischen Autorin und ihres Werks. Sie verwandeln sich die Doppelbödigkeit eines Lebens an, das geprägt ist durch die Erwartung von Unsicherheit, durch die Erfahrung einer Logik wie in „Alice im Wunderland“: Wenn etwas fällt oder verschwindet, kann es an einem anderen Ort wiederauftauchen oder auch an zwei Orten zugleich sein – durch Erinnerungen, Phantasie, Bücher. Von dieser ver- wirrenden Sehnsucht und der Aufhebung der Schwerkraft handelt das Werk.
Schon in diesem Buch, 2003 auf Deutsch erschienen, war einem Paula Fox’ Lebensgeschichte nahe gerückt, weshalb eine reine Biographie wie ein Anhängsel gewirkt hätte. Die Literaturkritikerin Bernadette Conrad geht einen anderen Weg. Sie fügt nach vielen Besuchen und Reisen zu den Wohnorten eigene Facetten hinzu: „Die vielen Leben der Paula Fox“ ist das Ergebnis einer sehr persönlichen Spuren- suche und selbst poetisch. Keine trockene Fleißarbeit, der es um möglichst viele De- tails geht. 2005 begegnete sie erstmals dieser Frau mit schnellem Schritt, „leicht und entschlossen, immer irgendwohin unterwegs“. Sie nimmt die abgerissenen Lebensfäden vorsichtig in die Hand, zwirbelt sie zusammen und wieder auseinander, fragt und hinterfragt. Sie erwägt Erklärungen an jenen Stellen, die Paula Fox klug be- schwiegen oder gewandt fiktionalisiert hat. Conrad will gar nicht erst den Ein- druck erwecken, dies alles gehe sie nur et- was als ordnende Biographin an.
Die Einlassung ist ihr Gebot. Das ist natürlich in der Folge einer wilden Form aus Reportage, Zitat, Interpretation, Fakten, Selbstbildmontage heikel und nicht immer frei von Übermut und Grenzüberschreitung. Lässt man sich aber auf ihre Bedingungen ein, auf den Mut zum distanzge- schwächten, gleichwohl respektvollen Subtext zu diesen „vielen Leben“, ergibt sich eine Art Ordnung zweiten Grades: Die har- ten, emotionalen Risse dominieren und spiegeln sich in Gesprächen mit Paula Fox’ Kindern oder dem Autor Jonathan Franzen, der sich für ihr Werk einsetzte.
Sie werden aber auch an die Zeit angeschlossen. Mobilität und Amerika als Einwanderungsland etwa dienen Bernadette Conrad als Begriffskulisse zur Beschrei- bung allgemeiner Zustände, etwa der Weggabepraxis, die lange vor Paulas Ge- burt begann, als Findelkinder in New York noch „mit Sünde infiziert“ waren. Anders als elternlose Waisen, recherchiert sie, galten sie weniger als Opfer, vielmehr als „von Gott und der Welt ver- lassen“. Conrad geht dieser Scham nach und ergründet, was „die scharfe Klinge des Lebens“ zu tun hat mit der „scharfen Klinge, mit der diese Autorin ihr Material Sprache bearbeitet“.
Im Alter von vierzig Jahren begann Pau- la Fox zu schreiben. Sechs Romane, zwei autobiographische Bücher, dreiundzwan- zig Kinderbücher liegen inzwischen vor – jüngst erschien ein neuer Band mit Erzählungen und Vorträgen: „Die Zigarette und andere Stories“ enthält Geschichten, in denen die scharfen biographischen Schnitte einen Abdruck hinterlassen ha- ben. Die Angst vor Verlust sitzt den Figuren im Nacken. Und wenn sie doch ein- mal nach langen Schweigezeiten vorsichtig Kontakt aufnehmen, passiert das oft ohne Sinn für die richtige Dosierung der Liebesgabe. Entweder verschenken sie sich ganz oder schrecken unangemessen zurück, wenn man sie zu lange berührt. Das richtige Maß für Nähe zu finden erfordert einige Energie. Keineswegs – und das ist das Besondere an diesen Geschichten – ergreift diese Anstrengung die Sprache. Vielmehr scheint es so, als transformiere das Erzählen die Beziehungsnot der verwundeten Figuren in zarte Verletzlichkeit.
Tatsächlich machen die meisten sogar vorm Abgrund halt. Sie greifen zum Telefon, um doch noch jemanden anzurufen. Sie unternehmen tapfer lange Fahrten zum lange vermiedenen Vater, ohne Antworten zu finden. Oder sie warten nach Beerdigungen, bis sie in dunklen Räumen sitzen, um endlich schreien zu können, doch immer allein. Nicht alle Erzählungen aus den letzten knapp 45 Jahren in diesem vermischten Band haben die existentielle Schwere, die Paula Fox ihnen ein- gibt, wenn sie im richtigen Moment schließt, eine Büroklammer fallen lässt oder Dialoge und Gesten so arrangiert, dass man die große Störung hinter den vielen kleinen irritierenden Alltagshandlungen aufbrechen sieht – „das Sichtbare und das Unsichtbare“, wie Bernadette Conrad in ihrem Nachwort schreibt.
Die besten Erzählungen aber betonen den Rang dieser großen amerikanischen Autorin und ihres Werks. Sie verwandeln sich die Doppelbödigkeit eines Lebens an, das geprägt ist durch die Erwartung von Unsicherheit, durch die Erfahrung einer Logik wie in „Alice im Wunderland“: Wenn etwas fällt oder ver- schwindet, kann es an einem anderen Ort wiederauftauchen oder auch an zwei Orten zugleich sein – durch Erinnerungen, Phantasie, Bücher. Von dieser ver- wirrenden Sehnsucht und der Aufhebung der Schwerkraft handelt das Werk der Paula Fox.

Paula Fox: „Die Zigarette und andere Stories“.
Aus dem Englischen von Karen Nölle und Hans-Ulrich Möhring. C. H. Beck Verlag, München 2011,
255 S., geb., 19,95 €

erschienen in der  FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG, 3. Juni 2011

Apr 30 11

Bernd Brunner: Porträt

Claus Brunsmann

Der Mensch und der Mond führen eine merkwürdige Beziehung. Distanziert, muss man wohl sagen. Aber keineswegs ohne Leidenschaft. Was vielleicht daran liegt, dass man so lange so wenig voneinander wusste. Welche Geschichten fantasiebegabte Menschen im Laufe von Jahrhunderten auf die Umlaufbahn schickten, erfährt man in Bernd Brunners Buch „Mond. Die Geschichte einer Faszination“. Und so skurril sich dort diese Beziehung zwischen Himmelskörper und Mensch ausnimmt, so skurril liest sich Brunners eigenes Werkverzeichnis, entstanden aus Fragen, die eher Kinder stellen: Wie kommt das Meer nach Hause? So heißt sein Buch über die Erfindung der Aquarien. Und wer hat eigentlich den Weihnachtsbaum erfunden? Nachzulesen bei Brunner in diesen vorweihnachtlichen Tagen. Wiederum geht es da viel um Projektion, um das, was Menschen damit verbinden. Der Baum als Traum, wo sich verschiedene Dinge verdichten.

Bernd Brunner wollte immer erzählen, nicht dozieren oder aufzählen. Er testete die Grenzen zwischen Essay und Literatur. Jetzt ist er also Sachbuchautor. Was das überhaupt ist? Er bleibt bescheiden, es dauerte ein paar Bücher, bis er das über sich selbst sagte. Der Weg scheint inzwischen klar und seine Talente bestmöglichst genutzt, eine neue Idee sogar schon in Sicht: Das Leben in der Horizontalen. Es wird übers Liegen gehen und wie verschiedene Kulturen das handhaben. Auf solch eine Idee muss man erst mal kommen.

Sein erstes Sachbuch handelte von uns und einem Tier: „Bär und Mensch“. Seltsam, dass Menschen sich manchmal so nennen, gerne dann im Diminutiv: Bärle. Oder Bärchen. Und dann der Teddybär, so einen hatte Brunner selbstverständlich auch. Plötzlich war die Idee da, so wie Ideen einfach da sind, ohne dass man genau weiß, woher sie kommen. Er begeisterte dafür einen Verlag, forschte, sammelte und schrieb die Geschichte dieser Beziehung. Der Bär also, ein Objekt, das er – wie den Mond – schlecht anfassen konnte. Dabei, sagt er heute, bahnte ihm gerade das Anfassen, das Fühlen den Weg. Als Kind Steine, Wurzeln, Früchte sammeln. Dann der Blick durchs Mikroskop ins Innere, das so anders aussah als der Gegenstand von außen. Die filigrane Landkarte aus Seen und Äderchen faszinierte ihn. Ein Naturwissenschaftler ist trotzdem nicht aus ihm geworden. Nach einer Banklehre hat er BWL studiert, aus Vernunftsgründen, und anschließend journalistisch gearbeitet, auch beim Fernsehen, die Wirtschaftsthemen, „Späth am Abend“ zum Beispiel. Dann der Bruch mit der Wirtschaft und noch ein Studium, diesmal Kulturwissenschaft und Amerikanistik, einige Semester davon auch in Seattle. „Nach Amerika. Die Geschichte der deutschen Auswanderung“ schrieb er dort, zunächst auf Englisch. Jetzt drückt er sich lieber wieder in der Muttersprache aus, da ist er spielerischer und literarischer. Unternehmerischen Geist treibt ihn immer noch, beispielsweise bei der Suche nach Verlagen, gerne immer andere. Brunner tritt ein für seine Bücher, die in acht Sprachen übersetzt sind, ganz vorne: Japan. Warum sich gerade Japan für seine Themen interessiert, weiß er selbst nicht recht.

Vielleicht ist es die Aufmachung der Bücher, ihr Bildcharakter: Blättert man sie durch, verweilt man gerne bei filigran gezeichneten Graphiken, die illustrieren, was Brunner gerade erklärt. Im Aquariumsbuch etwa das Bild zweier Akrobatiker, am Uferrand eines Gewässers mit Verrenkung beschäftigt, während unter ihnen ein großer Tintenfisch im Wasser schwimmt, formgleich wie die verbogenen Turnerkörper. Tatsächlich hatten, so lesen wir, im 18. Jahrhundert französische Forscher beim Ringen um Verständnis des rätselhaften Tintenfisch-Körperbaus Parallelen gezogen zwischen den Bewegungen des Meerestiers und der Akrobaten. Und wir tauchen mit Brunner weiter in die Tiefe, wo Lebewesen wohnen, die unseren Vorstellungen von Monstern gar nicht so unähnlich sind. Mit dem aus der Tiefsee ans Tageslicht beförderten Wissen kommen Rätsel, abstruse Noterklärungen und Emotion.

Kulturgeschichte, so zeigt Brunner in allen Büchern, ist immer auch eine Folge von Projektion, dem Bedürfnis entsprungen, das Unerklärbare handlich zu machen. Und es wundert kaum, dass George Fowlers 1813 in seiner Erzählung „A Flight to the Moon“ eine „Wolke, so weiß wie Milch“ beschreibt, die sich bei näherer Betrachtung als weibliche Schönheit entpuppt, mit einer Haut „so weiß wie langsam fallender Schnee“, mit rosafarbenen Wangen und Lippen und Augen so hell wie funkelnde Diamanten. Mit zarten Worten lädt sie den Helden in ihre Welt ein: „Du bist dazu bestimmt, den Mond zu besuchen!“

Der Mond, der Bär, die Wassertiere, der Weihnachtsbaum – alle eignen sich beim Betrachten hervorragend zur Umstülpung der eigenen Innenwelt. Brunners Bücher mit ihren vielen Bildern sind Archive, in dessen Mappen die Träume, die Visionen, die Ängste der Menschheit lagern. Das Internet hat ihm die Spurensuche erleichtert. Privatarchive waren besser auffindbar und nicht mehr nur Zufallsfunde. Als er noch während des Studiums das erste Buch von Wolfgang Schivelbusch las, über die Geschichte der Eisenbahnreise, war das Erkenntnisinteresse festgelegt: Die Geschichte der Eisenbahnreise als Mentalitätsgeschichte. Schivelbusch vermittelte nicht trockenes Wissen, sondern ein Drama. Er erzählte, wie die Eisenbahn in die Menschen regelrecht hineingebrochen ist und ihr ganzes Empfinden von Zeit und Raum veränderte. Solche Zusammenhänge wollte auch Brunner anschaulich machen. Er selbst sieht sich zuständig fürs populäre Sachbuch, ohne akademischen oder theoretischen Anspruch. Gleichwohl verleibt er sich schwierige Texte ein, um danach die Position zu vereinfachen, auch das eine Herausforderung. Er erzählt, was ein Mondregenbogen ist, warum wir den bleichen Erdbegleiter fälschlich als weiß erleben und wie die katholische Kirche und Maria sich zu ihm verhalten. Er fragt, ob er ein Geschlecht hat und schaut nach, wer ihn alles bedichtet hat. Bei aller Kulturgeschichte vergisst Brunner nicht die technische Seite, die Apparaturen. Seine Bücher führen Kultur- und Naturwissenschaften zusammen. Von dieser Begegnung zu erzählen wie in einem „Kinderbuch für Erwachsene“, ohne verniedlichende Sprache, ist Brunners Ideal.

Vielleicht ist das die Erklärung dafür, warum seine Bücher bei aller Seriosität und jenseits ihrer Vielfalt merkbar an zwei archaischen Kindheitspfeilern entlang geschrieben sind: Bedrohlichem und Visionärem. So auch in Bernd Brunners aktuellem Buch über den Mond. Licht und Schatten strukturieren es, die immer heller alle Mondwinkel ausleuchtende Geschichte der Wissenschaft auf der einen Seite, und der Mond unserer dunklen Gedankenwelt auf der anderen Seite. Brunner zeigt den Mond als Studienobjekt wie Projektionsfläche. Realität und Fiktion, so erweist sich, sind dabei keineswegs komplett voneinander getrennt. Im Gegenteil: Oft sind sie, und das ist vielleicht das Erstaunlichste an dieser Übersicht wie an den anderen, eng miteinander verzahnt.

Jetzt ist Bernd Brunner erst einmal spontan umgezogen, von Berlin nach Istanbul, das ihn inspiriert. Und wo er, trotz seines Buches über die Erfindung des Weihnachtsbaums, nach wie vor keinen eigenen Weihnachtsbaum schmücken wird. Eine Lichterkette im Fenster genügte ihm bislang. Man darf gespannt sein, welche Themen sie künftig noch alles beleuchtet – jenseits der aktuell entstehenden Geschichte über das Leben in der Horizontalen.

Von Bernd Brunner erschienen:

erschienen auf  ZEIT ONLINE, 2011

Mrz 30 11

Annette Pehnt: Hier kommt Michelle

Claus Brunsmann

Über dieses Buch kann man drei Geschichten erzählen. Die erste spielt in Freiburg, wo die Autorin Annette Pehnt („Insel 34“, „Mobbing“, „Haus der Schildkröten“) nicht nur lebt, sondern als Dozentin an der Pädagogischen Hochschule, die Lehrer ausbildet, markante Blicke auf studentische Frischlinge und den Unibetrieb wirft. Der tägliche Umgang hat sie zu einem kurzweiligen kleinen Roman über die ersten Semester einer solchen ehrgeizigen Studentin inspiriert, der eindeutig ironische Untertöne hat: „Hier kommt Michelle.“ Die Universität ist freilich ein hermetischer Raum, aus Yuccapalmen, Antragsstellern, frustrierten Dozenten, die, wo immer man sie trifft, gerne über die all zu frontal beschulte, neue, naive Generation jammern, die keine eigenen Fragen stellt, sondern nur Aufträge ausführt – das Gegenteil wissenschaftlichen Arbeitens. Ein Terrain also, über das man sich wunderbar lustig machen kann. Längst gibt es dafür eine eigene Gattung, den Campusroman, der durchaus kabarettreife Züge trägt, Stegreiftheater sozusagen, das von der realen Bühne des Lebens in Literatur zu verwandeln keine ganz leichte Aufgabe ist. Annette Pehnt – das macht sie zu einer der interessantesten Gegenwartsautorinnen – hatte schon immer auch Sinn für feinen, nie grobschlächtigen Humor, für die dem Alltag innewohnende Komik, die zugleich im Scheitern tragische Züge erhält. Im Grunde also ist sie eine ernsthafte, gut zu lesende, weil nie künstlich schwerfällige Autorin. Jetzt hat sie sich selbst – und uns – ein unterhaltsames Buch gegönnt, das mit dem höchsten literarischen Anspruch bricht: „Mein Beitrag zur Trivialliteratur“, wird sie zitiert.

Und hier beginnt die zweite Geschichte. Sie spielt immer noch in Freiburg, aber im Untergrund. „Michelle“, als Manuskript, erschien nämlich vorerst nicht im Hausverlag der Autorin, dem Piper Verlag, der sonst immer sehr daran interessiert ist, alle Texte zusammen zu halten. Thomas Tebbe, Programmleiter Belletristik und Annette Pehnts Lektor, nimmt seine Aufgabe ernst, worunter eben auch fällt, den Schützling vor einer Veröffentlichung zu bewahren, die dem „Autorenprofil“ schaden könnte. Er fand, der Text „besitze keine größere literarische Strahlkraft“, gibt aber zu, dass er sich beim Lesen amüsiert habe. „Michelle“ blieb also vorerst in der Schublade. Weil sie aber mit ihrem „schmalen, flinken Körper“ nach einigen privat organisierten Lesungen die regionalen Herzen nicht nur betroffener Universitätsmitglieder erobert hatte, half Friedemann Holder: Er brachte das Druckwerk in seiner Reihe „Text Mission“ im Verlag der linksalternativen Freiburger Buchhandlung Jos Fritz unter, die immer schon – wie ihr Namensvetter – für die Unterdrückten kämpfte. Das war 2010. Der Roman kommt im kecken Jackentaschenformat daher, mit einmontierten Fotos aus Michelles Alltag. Die Kapitel heißen „Module“, der Albtraum aller Studierenden – im Post-Bologna-Unijargon bezeichnet man damit die einzelnen Bauteile, für die am Ende der Abschluss winkt; kurzum: sie sind das Kapital. Inzwischen ist dem Werk ein kleiner Erfolg beschieden. Piper will nun nachrücken und als Geste an die Autorin „Michelle“ doch im Taschenbuch veröffentlichen – Broschur verzeiht mehr als das förmlich gebundene Buch.

Die dritte, vergnüglichste, etwas gemeine Geschichte spielt in „Sommerstadt“, unschwer als süddeutsche Unistadt zu erkennen. Hier plant Michelle ihr neues Leben. Sie ist eine reizende, junge Abiturientin mit einer raschen Auffassungsgabe und einer ausgeprägten Schwäche für Katzen, bereit, einiges auszuprobieren, „schließlich hat sie sich in den letzten Jahren sehr am Riemen gerissen, und gelohnt hat es sich, das sagt jeder, und sie selbst sagt es sich voller Stolz.“ Sie meldet sich überall an und will alles richtig machen, wenn man ihr nur sagt, was sie machen soll. Geschichte ist nicht ihr Ding. Sie glaubt sogar, wie viele ihrer Altersgenossen, „dass man die Gegenwart nur ohne Geschichte verstehen kann“. Eben noch im Abi geschwitzt, „den Teddy als Glücksbringer gegen den Multivitaminsaft gelehnt“, will sie voran kommen, Scheine machen, nicht zurückblicken, die Ernte ihrer strebsamen Schulzeit einfahren. Wie eindimensional sie gezeichnet ist!

Inzwischen gibt es schon den Begriff für diesen neuen überbehüteten Typus, mit dem Annette Pehnt in krasser Überzogenheit spielt, was sicherlich beim Schreiben viel Spaß gemacht hat: „parentified kids“. Dazu passend die mit Adleraugen über ihren Kindern kreisenden Eltern, genannt „helicopter parents“, eingeladen zum Erstsemestercafé und sogar schon mit eigenem Wikipedia-Eintrag und lustigen Grafitis im Netz vertreten. So lustig ist das aber eigentlich gar nicht. Und so kommt, was kommen muss: Michelle gerät (für den erforderlichen Kreativ-Schein) in die Schreibwerkstatt einer bösartigen Schriftstellerin, die ihr am Ende mit schlechter Note bescheinigt, sie habe nichts zu sagen. („Mutter: Na du sagst doch gerade was, oder? Michelle: nickt und lacht unter Tränen“.) Michelle stürzt sogar in eine kleine, depressive Krise, rappelt sich aber wieder dank eines Auslandssemesters und schottischen Biers auf, um schließlich selbst Teil des Betriebs zu werden, als wissenschaftliche Hilfskraft eines Professors. Jetzt lacht und lästert sie vorsichtig mit. Nur demonstrieren gegen die immer schlechteren Studienbedingungen will sie vorerst lieber nicht. Aber das kann ja noch werden. Pehnts Campus- und Entwicklungsroman ist erst „Bd. 1“, an dessen Ende die alte, ehrwürdige Universität in Flammen aufzugehen droht. Weg mit dem ganzen Zeugs. Ein würdiges Ende für einen Kultroman.

Sagen wir es wie die Germanisten hochgestochen mit ihrem Lieblingstheoretiker Bourdieu: Die verschiedenen Akteure des Felds, in diesem Fall des Unibetriebs, im weiteren Sinn des Bildungssystems, sind in ihrer Überzeichnung gut getroffen, und zwar alle, vom Rektor bis zu dessen überfordertem Pressesprecher, von der doppelbelasteten Teilzeitkraft auf Abschussrampe bis zum längst gekündigten traurigen Fall. Alle sind erkennbar Teil eines gigantischen Schuld-Verschiebe-Bahnhofs, der im Kindergarten beginnt und mit Uniabschluss längst noch nicht endet. Ein Macht-Apparat mit Hintertürchen, die Michelle mit hinreißender Energie zu finden versucht. Darüber ohne die Schwerlast täglicher politischer Debatten mal eine bissige Satire lesen zu dürfen, ist erleichternd. Der Charakter des Textes als Schlüsselroman ist da völlig sekundär – und offenbar die Figuren auch so gut getarnt, dass nicht alle eindeutig dechiffrierbar sind. Über eines aber sind sich die gemeinhin wohl informierten Kreise einig: Jeder kennt aus seiner Sprechstunde eine „Michelle“, die freimütig zugibt, den zu besprechenden Roman aus privaten Gründen nicht gelesen zu haben und ohne Scham eine Arbeit ohne eine einzige Fußnote abgibt. Die Dozenten selbst – blass, schwarz gekleidet, belesen, aber ständig nur traschend – kommen übrigens nicht viel besser weg.

Annette Pehnts Lektor mag recht haben: Sie hat einen Ruf zu verlieren. Aber kann der Literaturbetrieb wirklich so schlecht differenzieren? Das hier servierte, locker geschriebene Abziehbild, das auch Wahrheit birgt, rechtfertigt die Autorin mit einfachen, aber wirkungsvollen Waffen: Sie benennt die Schwächen mit Hilfe eines Vorsatzes (anstelle einer Zueignung) lieber gleich selbst: „Dieser Roman ist larmoyant, verbittert, arrogant, ungerecht und unpsychologisch; er enthält Stereotypen, Versatzstücke, Gesellschaftskritik, Verhöhnungen, Polemik und ein negatives Weltbild. Ähnlichkeiten zu lebenden Personen sind beabsichtigt.“ Der andere Distanzierungstrick ist noch älter und einfacher und besteht im regelmäßigen Einschub des Porträts der Erzählerin (das bekanntlich nicht zu verwechseln ist mit dem Autoren-Ich!). Diese Erzählerin freut sich diebisch, das harmlose Mädchen entworfen zu haben, um ihr Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Manchmal wird es ihr ob der eigenen Häme etwas mulmig. Und so schleicht sich beim Leser sogar etwas Mitleid ein für den rüden Umgang mit Michelle.

Annette Pehnt, und das ist das eigentlich Interessante an allen drei Geschichten, hat damit nicht nur ihrer Figur, sondern quasi sich selbst Begleitschutz gegeben. Unterstützt wird sie von den Herausgebern, neben Friedemann Holder noch Michael Staiger, die in mittlerweile zwei flockigen Vorworten auf Vicki Baums Kolportageroman „Menschen im Hotel“ (1929) referieren, als Vorwarnung: Hier gilt das Drehtürprinzip. Keine kunstfertigen Charaktere. Nur Teile, nichts Ganzes. Und genau das sollte den Pehnt-Lesern zugemutet werden: dass sie auch dieses Büchlein rezipieren als Teil eines Werkes, das vielversprechend wächst. Im Frühjahr 2012 gibt es wieder einen ernsthaften Roman über die Verstrickung dreier Mütter aus verschiedenen Generationen. Bis dahin darf offenherzig gelacht, sich dafür geschämt und nebenbei analysiert werden.

 

Annette Pehnt: Hier kommt Michelle. Ein Campusroman, Bd. 1. Jos Fritz Verlag. Freiburg i.Br. 2010. 142 Seiten, 9 €.

 

Erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 2011